Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Secondhand-Zeit

Secondhand-Zeit, Thalia Theater

„Secondhand-Zeit“ – Regie Johanna Louise Witt. Foto: Krafft Angerer

Secondhand-Zeit
nach Swetlana Alexijewitsch
Regie Johanna Louise Witt

Von Ormina Maschal

Secondhand-Zeit

Der Spiegel-Bestseller und mit einem Nobelpreis für Literatur gekürte Roman „Secondhand-Zeit“ von Swetlana Alexijewitsch setzt sich aus Geschichten von zwanzig unterschiedlichen Menschen zusammen. Ihnen gemeinsam ist, dass sie der Autorin aus erster Hand erzählt wurden, von dem Leben auf den Trümmern des Sozialismus handeln und einen Platz auf den 553 Seiten des Buches fanden.

Als die schöne Alicia Aumüller in einem zugeknöpften sowjetisch roten Kleid, geflochtenen Haaren sowie einem sowjetischen Mantel und Stiefeln die Bühne betritt, hält sie ein Exemplar von Swetlana Alexijewitschs „Secondhand-Zeit“ in den Händen. Sie fängt an aus dem Bestseller zu lesen und versinkt in den Roman, in die unterschiedlichen Erzähler. Wie auch im Buch, geht es zu Anfang um die Zeit unter Stalin. Es gab keinen Unterschied zwischen arm und reich, Menschen dienten bedingungslos der Partei, die Allgemeinheit war wichtiger als das Ich und so sollten die Menschen in der Sowjetunion durch eine eiserne Hand zu ihrem Glück geführt werden. Doch während einige Nachts ins Gefängnis gebracht wurden, ergötzten sich andere an den Orden und Posten in der Partei. Den obsessiven Wahn nach Anerkennung, welchen die Partei bieten konnte, stellt Alicia Aumüller geradezu mit sexueller Energie dar, bis ihr in dem roten Kleid und Stiefeln so warm wird, dass sie diese auszieht und auch ihre geflochtenen Haare öffnet.

Die Sowjetunion ist zerfallen. Alicia Aumüller ist nun in einem seidenen Kleidchen, offenen Haaren und schwarzen Nylon Strümpfen auf der Bühne. Eine Gesellschaft, die vermeintlich den Kommunismus anstrebte, lernt plötzlich den Kapitalismus kennen. Es zählt nicht mehr die Partei oder die Allgemeinheit. Nur das Ich. Alleine sein. Nur in sich selbst verliebt. Mit genug Geld kann man in Moskau jetzt alles kaufen. Ob eine Nacht mit einem 14-Järigen Mädchen, um den Fantasien freie Lauf zu lassen. Oder eine nächtliche Jagt auf ein Menschenleben, das eines verzweifelten Obdachlosen…

Zum Schluss öffnet die Darstellerin die Tür der Garage in der Gaußstraße, eine frische Brise zieht deutlich in die Garage rein. Alicia Aumüller wirft sich wieder den sowjetischen Mantel über ihr seidenes Kleid, um nach draußen zu gehen. Dort holt sie Blumenerde und breitet diese auf der Bühne aus. Sie zieht wieder die sowjetischen Stiefel über die Nylonstrümpfe, um die Blumenerde festzustampfen und pflanzt dort ein junges Gewächs. Dann gießt sie es, setzt sie sich zur Seite und wartet auf ihren Applaus.

Das Buch wird stark verkürzt dargestellt und der historischen Bedeutung des Werkes gerecht zu werden, scheint nicht der Anspruch der Inszenierung zu sein. Vielmehr wird gezeigt, dass das sowjetische Regime in der Vergangenheit zwar nicht so recht funktioniert hat (genau so wenig wie die nachfolgende „Demokratie“). Doch so wie der Mantel und die Stiefel aus der Vergangenheit erneut angezogen wurden und funktional waren um die Blume zu pflanzen, können Ideen aus der Vergangenheit wiederentdeckt werden. Secondhand.

Premiere am 27. September 2017 im Thalia Theater in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/secondhand-zeit

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: