Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

In der Einsamkeit der Baumwollfelder

In der Einsamkeit der Baumwollfelder, Thalia Theater

„In der Einsamkeit der Baumwollfender“ – Regie Christiane Jatahy. Foto: Krafft Angerer

In der Einsamkeit der Baumwollfelder
von Bernard-Marie Koltès
Regie Christiane Jatahy

Von Julia Lange

Die Anordnung der Sitzreihen im Zuschauerraum deutet bereits an, dass es an diesem Abend um Kommunikation und Austausch gehen wird. Die aufsteigenden Sitzreihen links und rechts des en-gen Bühnenraums sind einander zugewandt; jeder einzelne Zuschauer_in sieht folglich fünfzig Prozent des anwesenden Publikums direkt und mit dem Gesicht frontal zu sich gewandt vor sich. Die Reaktionen des Publikums werden somit zum Teil des Spektakels. Der Zuschauer wird ausgestellt, gleichsam zum gläsernen Beobachter des Geschehens degradiert, der sich aus dem traditi-onellen Schutz des verdunkelten Zuschauerraums im Theater vom observierenden Subjekt zum Objekt der Betrachtung wandelt. Die Reaktionen der nicht vor einem sitzenden, weiteren fünfzig Prozent des Saalpublikums bleiben einem mehrheitlich, da diese entweder auf den Rängen hinter einem platziert oder mit dem Rücken zu einem gekehrt vor einem sitzen, auf vertraute, aber zu-gleich unheimliche, da den üblichen Theaterkonventionen entfremdete, Weise verborgen. Bereits die mise-en-scène greift damit strukturell das zentrale Thema des Abends auf: die subjektive Kon-struktion unserer Lebenswelten, die von sozial erlernten und tradierten Wahrnehmungsmustern und Vorurteilen geprägt sind. Diese werden zwar einerseits immer wieder unermüdlich hinterfragt und an neue Realitäten adaptiert, erweisen sich aber anderseits häufig als immens resistent gegenüber Veränderung. Anders formuliert ist ein Kernthema des heutigen Abends also wie folgt: Wo ist Realität und wo fängt die Imagination beziehungsweise Fiktion an?

Das auf Bernard-Marie Koltès dramatischem Text In der Einsamkeit der Baumwollfelder (1987) basierende gleichnamige Theaterstück unter der Regie von Christiane Jatahy dekliniert diese Frage am Beispiel der Begegnung zwischen fünf Verkäufern und deren – z.T. eingebildeten, d.h. nicht anwesenden und somit fiktiven – Kunden durch. Die inszenierten Diskurse über Warentransfers im Zeitalter des Kapitalismus sowie die Gesprächsdynamiken und damit verbundenen Machtspiele zwischen Käufer und „Dealer“ werden dabei selbstreflexiv thematisiert und gebrochen. Letztlich – sowohl die Quintessenz dieser diskursiven Strategie – ist alles nur ein (Theater-)Spiel. Eine bele-bende Note, die das WerJuk aus seiner Selbstreflexivität herausreißt und den Horizont für aktuelle gesellschaftliche Problemlagen eröffnet, entsteht durch die unerwartete Einführung eines syrisch sprechenden Käufers. Kulturelle Differenzen, die Unmöglichkeit der letztgültigen Definition der „Andersartigkeit“ des „Anderen“ und die komplexe Unterscheidung zwischen echten Wünschen und (Hilfs-)Bedürfnissen sowie der Projektion derselben auf seine Gesprächspartner erhalten damit Einzug in einen Theaterabend, der zunächst in seinen Metareflektionen zu Wahrnehmungs-prozessen im Nirwana eines spielerischen Dekonstruktivismus zu zerlaufen drohte. So aber erhält die gesellschaftliche Realität mitsamt ihrer aktuellen Problemlagen Einzug in Jatahys Regiearbeit. Der Abstraktionsgrad der Arbeit – es geht nicht um konkrete ausbeuterische Warenaustausche bzw. beispielsweise die Komplexität des Drogenmarkts in konkreten Ländern oder Kontinenten – ist dabei zugleich Fluch und Segen. Einerseits werden ökonomische Prozesse damit auf einer tie-ferliegenden, strukturellen Ebene mit besonderem Schwerpunkt auf psychologischen und sprachli-chen Prozessen unter die Lupe genommen. Andererseits verleitet eben dieser strukturalistische Ansatz dazu, Koltès Einsichten aus den frühen 80er Jahren durch aktuelle Bezüge anzureichern, ohne dass die komplexen transnationalen Handelsprozesse der Gegenwart mitsamt der gewandel-ten sozialen Interaktionen in ihrer global-ökonomischen Komplexität im Rahmen der rund 60-minütigen Aufführungszeit wahrhaft durchdrungen werden. Eine strukturelle Analyse hätte aber ebensolche Durchdringung der Tiefenstruktur zum Ziel. Konsequenz ist eine lediglich an der Ober-fläche kratzende Analyse der komplexen sozialen und wirtschaftspolitischen Realitäten des 21. Jahrhunderts.

In der Einsamkeit der Baumwollfelder endet um Punkt 21.00 Uhr, nachdem eine allein auf der Bühne verbliebene Schauspielerin sich nach der Uhrzeit erkundigt und eine direkt links neben mir sitzende Zuschauerin ihr diese mitteilt. Ist Letztere eine künstlerische Mitarbeiterin? Oder bloß eine pro-aktive Zuschauerin, die aufrichtig auf die Frage der Schauspielerin Auskunft gibt? Mit Gewiss-heiten, so viel wird deutlich, wird an diesem Abend in der Gaußstraße nicht gehandelt. Und dies ist auch gut so.

Premiere am 16. September 2017 im Thalia Theater in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/in-der-einsamkeit-der-baumwollfelder/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. September 2017 von in Premierenblog und getaggt mit , , , .
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