Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

In der Einsamkeit der Baumwollfelder

In der Einsamkeit der Baumwollfelder, Thalia Theater

„In der Einsamkeit der Baumwollfelder“- Regie Christiane Jatahy. Foto: Krafft Angerer

In der Einsamkeit der Baumwollfelder
von Bernard-Marie Koltès
Regie Christiane Jatahy

Von Danja Duta

In der Einsamkeit der Baumwollfelder

In der Einsamkeit der Baumwollfelder finde ich sehr passend, um das Gefühl zu beschreiben mit dem ich gedanklich durch diese Premierenvorstellung irre. Auch noch kurz vor Ende frage ich mich, wie Einsam ich wohl im Publikum sitze mit der Frage „Versteh‘ denn nur ich nicht ganz was hier passiert?“. Zum Glück ist es genau das, was dieses Stück bezwecken möchte, welches von der brasilianischen Regisseurin Christiane Jatahy im Thalia Theater Gaußstraße experimentell inszeniert wurde: Verwirrung stiften. Und das gelingt an diesem Abend voll und ganz.

Um einen Käufer und einen Verkäufer soll es gehen, so viel hatte ich vorher schon gelesen. Eine Grundsatzdebatte des Kapitalismus. Einer der einen Wunsch hat, einer der etwas anbietet. Besonders bemerkenswert finde ich, dass man sich in beide Seiten, die des Käufers und die des Verkäufers, gleichermaßen hineinfühlt. Man versteht beide Parteien mitsamt ihrer Ängste und Zweifel. Der Kunde möchte sich nicht als Opfer verstehen, dem bislang noch etwas fehlte zu seinem Glück. Und der Käufer hat Angst vor der Zurückweisung. Hört sich erst einmal doch ganz klar an. Dass der Dialog auf fünf anstatt auf zwei Personen zu verteilt wurde, gibt aber schon mal einen ersten Ausblick auf die Verwirrung des Ganzen.

Auch schon die Rahmenbedingungen tragen dazu bei, dass sich bei diesem Theaterstück alles ein bisschen anders anfühlt als sonst. Die Türen des Saals werden während der Aufführung nicht geschlossen und das Licht bleibt an. Dadurch scheinen einmal mehr die Grenzen zwischen Realität und Fiktion zu verschwimmen. Was ist echt? Was ist gespielt? Und wo genau liegt denn jetzt die Grenze, wenn sie nicht in der Begrenzung dieses Saales liegt? Die Öffnung nach außen wird auf die Spitze getrieben, als die Käufer*innen gegen Ende nach draußen in die kalte Nacht stürmen, um ihren Kunden davon abzuhalten sie in ihrer ganz persönlichen Einsamkeit des Angebots zurückzulassen. Auch so ein Moment der Verwirrung stiftet. Außerdem gibt es nicht ganz klassisch eine Bühne auf der einen und eine Zuschauertribüne auf der anderen Seite, sondern zwei Tribünen, die so angeordnet sind, dass sich die Zuschauenden gegenseitig anschauen. Im Gang dazwischen liegen Stift und Papier. Die Verwirrung wird versucht als Formeln aufs Papier zu bringen.

Die Beziehung zwischen Wünschendem und Besitzendem ist dabei eine Beziehung, die es nicht nur bei einem Kaufverhältnis gibt. Leere gegen Ausstülpung. Das Stück schlägt den Bogen zur Flüchtlingsthematik. Auch dieser Teil des Stückes bringt mich durcheinander. Alles in allem wirft dieses Stück mehr Fragen auf als es Antworten gibt. Und das auf eine so herrlich andere Art und Weise, die den eigenen Kopf ein bisschen durcheinander wirbelt.

Premiere am 16. September 2017 im Thalia Theater in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/in-der-einsamkeit-der-baumwollfelder/

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