Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Das Ende von Eddy

Das Ende von Eddy  Thalia Theater

Das Ende von Eddy, Foto: Krafft Angerer

Das Ende von Eddy
von Édouard Louis
Regie Alek Niemiro

 

von Janina Granfar

Das Ende von Eddy – so lautet der Titel des Theaterstücks, in welchem der Mann mit dem Namen Eddy streng genommen gar nicht zu Wort kommt. Eigentlich sitzt er abseits der Bühne, abseits des Spektakels und der ganzen Worte, des Geschreis, des Hasses, der Trauer, der Verlorenheit und des rot geprügelten Gesichts. Er sitzt dort an einem schwarzen Klavier. Während seine Finger zu Beginn der Vorstellung über die Tasten fliegen und die kahle, leblose Bühne in ein Gefühl der Ruhe und der Sehnsucht hüllen windet er sich, als ob es ihm schwer fallen würde diese Musik aus sich heraus zu lassen. Aber er kann nicht anders.

Dann betritt der Mann die Bühne, dessen Melodie niemand hören wollte, weil sie nicht nach Eddy klang, zu anders war, zu unerwartet. Oder vielleicht auch einfach, weil es überhaupt eine Melodie war. Irgendwann einmal.

Ein schwuler Junge aufgewachsen in einem Dorf, in welchem feste Denkstrukturen über Männlichkeit und Weiblichkeit und über Klassenunterschiede das Verhalten der Bewohner fest im Griff haben – das klingt nicht nach einem Konzert von glücklicher Kindheit und das war es auch nicht. Für Eddy war seine Kindheit ein totalitäres Leiden. Aber dies ist kein Stück welches darauf abzielt Mitleid bei den Zuschauern hervorzurufen sondern viel eher Mitgefühl und Bewusstsein. Die Abneigung die der Mann mit dem Namen Eddy auf Grund seines Andersseins erfährt reproduziert er. Er geilt sich sogar daran auf. Auch Vorstellungen über vermeintliche Normalität scheint er im Umgang mit seiner Umwelt zu übernehmen. Wenn die Umstände es zulassen reagiert er auf wahrgenommene Erniedrigung mit brutaler und feiger Gewalt. Er ist Täter und Opfer zugleich, gefangen in einem totalitären und paradoxen Kreislauf aus konstruierten Vorstellungen an den er beinahe selber zu glauben beginnt, in welchem er einen Namen trägt der mit einer Intention vergeben wurde die seine Persönlichkeit vorherbestimmen sollte und welchem er am Ende versucht zu entfliehen.

Am Rande des Spektakels sitzt noch immer der Mann am Klavier. Seine Augen sind weit aufgesperrt. Auf der Bühne steht der andere Mann schwer atmend und mit abgekämpften Gesicht.

Beide werden nicht weggehen.

Aber vielleicht die Vorstellung von Eddy.

 

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. Juni 2017 von in Allgemein, Premierenblog.

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