Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Philoktet – Mark Reisig, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt/Main (KSJR 2017)

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Philoktet, Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Philoktet
von Heiner Müller
Regie Mark Reisig
Hochschule für Musik und Darstellende Kunst,
Frankfurt/Main
Do 15. Juni 19 Uhr Thalia Gaußstraße

von Fabian Starting

 

Ein Leichentuch versperrt die Sicht auf die Bühne in der Gaußstraße.

Auf ihm zeichnen sich die Umrisse der unzähligen Gefallenen ab. Im zehnten Jahr des trojanischen Krieges ist die Belagerung zu einem tödlichen Stillstand geworden. Auf Seiten der Invasoren wird dringend nach Lösungen gesucht. Eine davon scheint Philoktet zu sein, der einst auf einer Insel vor Troja zurückgelassen wurde. Odysseus und Neoptolemos wollen ihn zurückholen.

Entsprechend taucht ein zwei-Mann such Trupp aus dem Dunkel des Saals auf und als das Grabtuch beiseite gerissen ist, kann diese griechische Tragödie ihren Lauf nehmen. Philoktets Eiland, die Arena in der drei Männer auf einander treffen werden um zu ringen, hauptsächlich mit Worten. Sie werden konspirieren und verführen. Und so ist auch die Insel beschaffen: ein Halbkreis aus Beton zwingt die Männer in einen engen Raum. In der Mitte befindet sich ein aus altem Stahl gefertigten Ausguck, ein Leuchtturm der Hoffnung auf baldige Rettung. Eine lebensfeindliche Industrieödnis ist sie, nur ein Ort für die Geier – und von jenen ernährt sich der verwundete Namensgeber des Theaterstücks – Philoktet. Eine Natter biss ihn am Fuß und durch das Gift in konstanter Agonie, ist er eine eitrig stinkende Belastung für die Kriegsanstrengungen vor Troja. So wird er noch auf dem Weg nach Troja ausgesetzt. Durch Einsamkeit und Schmerz ist er mehr Tier als Mensch, allein sein Hass auf Odysseus hält in wach. Die vermeintlichen Retter sind weniger an seiner Person als an seinem Nutzen für den Krieg interessiert. Odysseus und Neoptolemos wollen den Bogen Herakles‘ mit den Giftpfeilen und wenn möglich auch die Unterstützung von Philoktets Männern in der Schlacht.

Schnell entspinnt sich ein Tauziehen in drei Richtungen, denn Neoptolemos hat nicht bloß reine Verehrung für Odysseus übrig.

Besonders Homers Held der Illias und der Odyssee wird in ein anderes, weniger strahlendes Licht getaucht. Als Blonder Verführer und Taktierer im Schwarzen Mantel spielt Odysseus eine wenig ruhmreiche Rolle. Es hat schon seinen Grund, warum genau er später die Idee des hölzernen Pferdes haben wird. Dank der Vorlage Müllers sind die Figuren vielschichtig gelagert. Vor allem Odysseus beeindruckt als ambivalente Person. Besonders auch da Heiner Müller für seine Version alles Übernatürliche herausgenommen hat. Kein Deus Ex Machina im letzten Akt und sonst keine Form von göttlicher Intervention. Die Männer sind allein. Entsprechend gibt es keine Erlösung und keine bindende Moral für die Beteiligten, aber auch keine Vorsehung und entsprechend eine enorme Freiheit für eigene Taten. Durch diesen Kunstgriff soll sich unausweichlich auch das Ende von Philoktet verändern. Am Ende wird der Bogen geborgen, doch der Besitzt eben nicht.

Mark Reisig übersetzte die Geschichte um Lüge, Krieg, Gehorsam und Pflichtverfüllung in intensive 60 Minuten. Besonders Matthias Lamp als Odysseus ist es eine Freude beim Spielen zuzusehen. Er gibt ihn als wendigen und geschickten Verführer.

Insgesamt eine spannende Aufführung, die sich das „Gefällt mir“ für den Publikumspreis verdient hat.

 

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/philoktet-hochschule-fuer-darstellende-kunst-frankfurt/

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Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. Juni 2017 von in Allgemein, Körber Studio.
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