Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Möglichkeit einer Insel – Daniel Kunze, Folkwang Universität der Künste Essen (KSJR 2017)

Koerber Studio Junge Regie 2017

Die Möglichkeit einer Insel, Foto: Körber Stiftung / Krafft Angerer

Die Möglichkeit einer Insel
von Michel Houellebecq
Regie Daniel Kunze
Folkwang Universität der Künste, Essen
Sa 17. Juni 19 Uhr Thalia Gaußstraße

von Melis Günay

„Hallo kann ich mal den DJ sprechen? … Oh, aufgelegt“

Daniel oder so steht an einem Telefon, das von der Decke hängt. Es ist nur eines von vielen. Isabelle oder so steht an einem anderen der Telefone. Das Publikum lacht. Daniel kommt aus unserer Welt, Isabelle auch. Auf dem Sofa in der Ecke sitzen noch drei Menschen in den gleichen Outfits wie die beiden. Sie kommen aus der Zukunft und lesen beziehungsweise erzählen Daniels Geschichte. Oder so.

Das Stück besteht aus einem kleinen bisschen Sci-Fi und ganz viel Beziehung, aus ein paar perversen Anspielungen und einigen bedeutungsschwangeren Sprüchen, aber vor allem aus guten Witzen. Und schlechten. Wer die Geschichte kennt, versteht vielleicht ein kleines bisschen mehr als ich. Ich hoffe ich habe das meiste verstanden, sicher bin ich mir allerdings nicht.

Daniel hat wirre Liebesbeziehungen. Zuerst mit Isabelle, mit der es allerdings in die Brüche geht, denn „sie ertrug sich selbst nicht mehr, also konnte sie die Liebe nicht ertragen“. Liebe oder Liebe machen. Letzteres ist oft ein Thema. Auch mit seiner nächsten Geliebten, der feurigen Spanierin Esther. Während Daniel noch Bettsport treibt, betreiben die Menschen aus der Zukunft Photosynthese, denn das ist effizienter. Das Zukunftsszenario erinnert mich an Huxleys Brave New World, auf die auf der Bühne auch angespielt wird.

In immer-gleichen Uniformen und auf verspiegeltem Boden spielen die insgesamt fünf Schauspieler zwischen hängenden Telefonen. Das dunkle und simple Bühnenbild sieht auch ein bisschen aus wie ein Szenario aus der Zukunft, perfekt und skurril. Fast alle anderen Requisiten entstehen in unserer Fantasie und werden von durch die von den Schauspielern erzeugten Geräusche in unseren Köpfen lebendig. Die Schauspieler schlüpfen in alle möglichen Rollen. Mal sind sie perfekte Menschen aus der Zukunft, mal solche wie wir in der Gegenwart. Mal ein Professor, mal eine Geliebte. Aber immer recht komisch und das gefällt mir.

Es läuft Techno. Das Stück ist fast vorbei und jetzt legt der DJ wahrscheinlich tatsächlich auf. Im Pulk tanzen die „Zukünftigen“ eine Choreographie, fast wie in Ekstase. Auch oberkörperfrei sind sie mittlerweile. Je länger ich über das Stück nachdenke, desto glücklicher bin ich über Daniels verkorkste Beziehungen. Immerhin hat er überhaupt noch welche im Gegensatz zu denen aus der Zukunft. Und auch sterben kann er, ohne direkt wieder produziert zu werden. Ich weiß nicht, ob mich die Geschichte, die aus einem gleichnamigen Buch stammt, überzeugt. Schräg ist sie auf alle Fälle. Ob ich dem Stück gegenüber kritisch bin, weiß ich nicht. Denn wie es darin heißt: „Gebirge kritisiert man nicht, man besteigt sie. Oder man lässt es.“ Amüsiert habe ich mich auf dem Aufstieg jedenfalls jede Menge.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-moeglichkeit-einer-insel/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Juni 2017 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: