Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist! – Rebekka Bangerter, Zürcher Hochschule der Künste (KSJR 2017)

Koerber Studio Junge Regie 2017

Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist!, Foto: Körber Stiftung /Krafft Angerer

Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist!
Frei nach Georg Büchner
Regie Rebekka Bangerter
Zürcher Hochschule der Künste
Mi 14. Juni 21 Uhr Thalia Gaußstraße

Von Julia Lange

Rebekka Bangerters Regiearbeit Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist! besticht bereits durch das Bühnenbild. Zu einem Berg aufgetürmte XXL-Kissen und Müllsäcke nehmen den gesamten linken Bühnenrand ein. Die Konstruktion erstrahlt allmählich im gedämpften Scheinwerferlicht. Es raschelt. Der Berg beginnt sich zu bewegen. Was wir zu sehen bekommen, ist die Ästhetisierung einer Müllhalde.

Bangerters Arbeit basiert auf Georg Büchners Drama Woyzeck, der als Prätext aktualisiert, d.h. mit Referenzen auf die Gegenwart angereichert, und postmodern gebrochen auf die Bühne der Gaußstraße gebracht wird. Themen wir Macht(-Missbrauch), Unterwerfung, Widerständigkeit, Liebes- sowie Kriegsgelüste werden in Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist! verhandelt. Abhängigkeitsverhältnisse werden sichtbar gemacht, Krieg als wirtschaftlicher Beschäftigungsmotor entlarvt und der einfache Soldat zum Prototyp des heutigen im erbarmungslosen Arbeitsrhythmus und starren „Dienst“-Strukturen gefangenen Menschen stilisiert. Die Figuren tanzen in Woyzeck – Ach, was die Welt schön ist! nicht auf einem Vulkan sondern auf einer riesigen Müllhalde – dem Schutt und Abfall der Gesellschaft, aus dem sie eingangs (auf embryonal anmutende Weise) entsprungen sind und mit dem sie während der Vorstellung immerfort interagieren bis sie zu guter letzt erneut darin verschmelzen und untergehen.

Der Untertitel Ach, was die Welt schön ist! gilt am heutigen Abend nur bedingt bzw. ist vielmehr ironisch zu verstehen. Das Stück mündet in der Tragödie. Im Gegensatz zu Büchners literarischer Vorlage setzt der Tod Maries jedoch nicht den Schlussakkord. Der Clou in Bangerters Regiearbeit besteht darin, dass sie Büchners Drama zu einem never-ending replay of the same old story umcodiert. Mit anderen Worten: Bangerer legt Büchners Drama eine zyklische Struktur zugrunde. Am Ende sehen wir den bereits zu Beginn der Performance isoliert, d.h. ohne menschliche Präsenz, dastehenden Berg. Die Konstruktion wird vom gedämpften Scheinwerferlicht angestrahlt. Es raschelt. Etwas bewegt sich. Die Andeutung auf das fortwährend gleiche Repertoire, die stete Wiederkehr des irdischen Geschehens wird deutlich, bevor das Licht im Saal erlischt und die Vorstellung zu Neige geht.

Der Eindruck, mit dem wir am heutigen Abend empfangen und entlassen werden, ist folglich der einer Ästhetisierung des Alltäglichen, Überflüssigen, Hässlichen. Bangerters Werk ist in der Tradition der arte povera Bewegung zu verorten, die mit einfachen, preiswerten bzw. preislosen, häufig weggeworfenen Gegenständen wie Nägeln, Holzbrettern und anderen entsorgten Alltagsutensilien Kunstwerke erschuf und ihnen die Aura der Hochkultur verlieh. Der in Bangerters Regiearbeit anzutreffende arte povera Gestus stellt implizit die Frage nach der Funktion des Theaters im 21. Jahrhundert und verdeutlicht, dass es Bangerter – trotz diverser eingebauter postmoderner Versatzstücke – wohl um mehr geht als das Ausstellen poststrukturalistischer Erkenntnisse in die Unmöglichkeit des Ausbruchs aus der sprachlichen Vermitteltheit unserer weltlichen Erfahrung. Das Alltägliche, „Hässliche“ (bzw. als solches deklarierte), Missachtete ästhetisiert darbieten und damit sichtbar machen. Das Marginale durch Verfremdung ins Zentrum rücken. Die Synthese von high und low culture bzw. vielmehr die Negation dieser vereinfachenden Gegenüberstellung, der zugrundeliegenden binären Differenz. Büchners Woyzeck in Kombination mit einer ästhetisierten Müllhalde. Ach, was die Welt schön ist? In Bangerters Regiearbeit ist die theatral entworfene Welt in jedem Fall sehenswert.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/woyzeck–ach,-was-die-welt-schoen-ist!/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juni 2017 von in Körber Studio und getaggt mit , , , , .
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