Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

kleinstadtnovelle – Moritz Beichl, Theaterakademie Hamburg (KSJR 2017)

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kleinstadtnovelle, Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

kleinstadtnovelle
von Ronald M. Schernikau
Regie Moritz Beichl
Theaterakademie Hamburg
Do 15. Juni 21 Uhr Thalia Gaußstraße

von Julia Lange

Es ist bezeichnend, dass in dem beispielhaft angeführten Zitat aus der Kurzbeschreibung des Programmhefts zu Roland M. Schernikaus kleinstadtnovelle sämtliche Substantive klein geschrieben werden. Die sich aufdrängende Schussfolgerung: Substantive nehmen im Vergleich zu anderen Wortarten keine privilegierte Stellung im System der Sprache ein. Flache Hierarchien, der Wegfall unnötiger Differenzkategorien, so eine mögliche Lesart, die sich angesichts der besonderen Schreibweise Schernikaus eröffnet. Anders formuliert: Die Normalisierung des Absonderlichen bzw, Anderen. Dies ist zugleich das zentrale Thema von kleinstadtnovelle. Die Entstigmatisierung des als anormal markierten und pathologisierten. Konkreter: das Anerkennen von queerness / LGBTs als wertzuschätzende gesellschaftliche Realitäten. Und damit einhergehend das Hinterfragen essentialistischer, d.h. stabiler, fixer, von Natur gegebener Identitätsvorstellungen. Die Frage „Wer ist dieses ‚ich‘?“ ist denn auch eine zentrale, gleich eingangs und fortan leitmotivisch gestellte Frage des Abends.

Die Stadt, in der die Novelle spielt, ist in der Tat klein und provinziell. Der Plot ist schnell erzählt. Eine Schule. Ein sich zu seiner Homosexualität bekennender Schüler b. Eine Affäre mit einem anderen Schüler. Skandal. Eklat. Suche nach Schuldigen. Radikalisierung der gemäßigten Kräfte in der Kleinstadt angesichts der vermeintlich verspürten Bedrohung ihrer Werteordnung durch das „Andere“ bzw. hier genauer den „Anderen“. Stigmatisierung des Außenseiters. Zuweisung einer Sündenbockrolle. Weiter zunehmende Ausgrenzung. Widerstand. Wahrheitssuche. Einsicht in die Unmöglichkeit, einen Gesinnungswandel, geschweige denn strukturelle Änderungen, in der Provinz zu erreichen. Fortgang, d.h. Flucht (nach Berlin) als letzter Ausweg. Emanzipation – nicht zuletzt von der Mutter. (Bemerkenswert: Der aus der Frauenrechtsbewegung adaptierte Begriff der „Emanzipation“, der im LGBT-Kontext in der Tat antiquiert anmutet, wird in kleinstadnovelle auf humorvolle Manier problematisiert.)

Was Moritz Beichls Regiearbeit kleinstadtnovelle verhandelt wird, ist mit anderen Worten die biedere Alltagswelt der Provinz, die dem Freiheitswillen der Figur b. (der Name stellt wohl eine bewusste Form der Anonymisierung und gleichzeitige Universalisierung des sich dahinter verbergenden Einzelschicksals dar) gegenübergestellt wird. Ähnlich wie in der Münchener Regiearbeit Abraum vom Eröffnungsabend des Festivals, operiert kleinstadtnovelle mit dem Gegensatz zwischen (Groß-)Stadt und dem Leben außerhalb der Ballungszentren. Im Gegensatz zu Abraum, wo das Heterotop in einem Steinbruch verortet wird, dient in kleinstadtnovelle Berlin als subversiver Ort, in dem die herrschende Ordnung karnevalesk auf den Kopf gestellt wird und die Selbstverwirklichung der gesellschaftlich Stigmatisierten möglich erscheint.

Als Kritikpunkt ist zu nennen, dass es sich der Regisseur Moritz Beichl mit der Vereinnahmung populärer musikalischer Hits gerade am Anfang ein wenig zu einfach macht. Ein melodiöser Song hier und da dient zuweilen mehr als Lückenfüller mit Unterhaltungswert denn als veritabler inhaltlicher Beitrag. Auch hätte man sich stellenweise gewünscht, dass die Argumentführung weniger direkt verlaufen wäre. So werden Missstände in kleinstadtnovelle oftmals direkt benennt anstelle sie auf subtile(re) Art kenntlich zu machen, d.h. mit den im Theater zur Verfügung stehenden darstellerischen Mitteln aufzubereiten. Von diesen Kritikpunkten abgesehen überzeugt kleinstadtnovelle jedoch durch sein vehementes Plädoyer für eine offenere, tolerantere Gesellschaft.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/kleinstadtnovelle-theaterakademie-hamburg/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juni 2017 von in Körber Studio und getaggt mit , , , , , .
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