Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Weber

"Die Weber"  Thalia Theater

Die Weber, Foto: Krafft Angerer

Die Weber
nach Gerhart Hauptmann
Regie Kornél Mundruczó

Von Fabian Starting

Es wird laut werden und das nicht bloß akustisch.

In mancher Szene erbebt der Saal durch den Klang von Rührtrommeln, aber die wirkliche Wucht entfalten die Bilder, mit den Kornél Mundruczó „Die Weber“ inszeniert. Der Weberaufstand von 1844 wird in die Gegenwart geholt, nur Sprache und auch das Geld verraten die historischen Bezüge. Der Prolog setzt in einem verdreckten Kellergeschoss ein, dass mit den eng gestellten Nähmaschinen als Ausbeutungsbetrieb, einem Sweatshop, zu erkennen ist, wie sie in Mittelamerika, Afrika oder Asien zu finden sind. Es sind keine Weber sondern Näherinnen und Näher und vor allem sind Kinder zu sehen. Die einzige Konstante ist die Textilindustrie, eben nur in der Verwertungskette ein Glied weiter fortgeschritten. Sie fertigen Jeans für den europäischen Markt. Als dann nach einer gefühlten Ewigkeit endlich gesprochen wird, wird es für das Publikum auch schon direkt ungemütlich. Wir müssen uns vor Jörg Pohl in seiner Rolle als Moritz Bäcker rechtfertigen, warum uns 50 Euro für eine Jeans zu wenig ist. Drastisch wird bewusst, dass der Wert von Gütern nicht nach möglichen inhärenten Kriterien bestimmt wird, der Wert der Ware wird allein vom Markt bemessen.

Wie keine Zweite ist die Textilfertigung das Epitom der kapitalistischen Werteordnung aus Gewinnstreben und Ausbeutung. Was mit der Sklaverei auf den Bauwollplantagen im amerikanischen Süden begann und zu den englischen Webstühlen in Manchester führte, das sind die heutigen Sweatshops des Globalen Südens. Kleider, die zweite „Haut“ und unsere Scham bedeckend, sind Ausdruck einer Zweck-Mittel-Logik im menschlichen Miteinander.

Es sind Bilder wie diese, die die Handlung darstellen. Text gibt es nur wenig und auch eine Charakterentwicklung ist nicht vorhanden. Gezeigt wird keine stringente Geschichte über den schlesischen Weberaufstand, es sind die Verhältnisse auf denen das Augenmerk liegt. Entsprechend imposant ist das Bühnenbild in seiner Dimension.

Über der dem Kellergeschoss türmt sich eine Edelboutique als Konsumtempel auf, mit Marmorsäulen, Kronleuchtern und Blick auf das Hamburger Rathaus. Dort oben spielen sich die Szenen der Dekadenz der Bourgeoisie ab. Oben der Protz und unten das Leid. Erschöpfte Wesen, von der Arbeit mit den Färbemitteln verätzt, hausen zwischen Nähmaschinen. In der Not muss dann der Hund herhalten, der geschlachtet gegen den Hunger auf den Teller kommt. Bei den Fabrikanten Dreissiger ist der beste Freund des Menschen hingegen mehr als das: Auf dem Höhepunkt der kapitalistischen Verdorbenheit dient der Familienhund, in einem grotesken Ritual mit Nutella, der Fabrikantenfrau zur willfährigen Lustbefriedigung. Dazu erklingt, dann The Velvet Underground – Andy Warhols Band, der ein jedem 15 Minuten Ruhm und die daraus folgenden Reichtümer zusprach. An Obszönität wird diese Szene vielleicht nur noch von der panischen Flucht der Industriellen übertroffen, die sich nicht von ihren Reichtümern trennen können und zumindest ein Teil dem wütenden Mob entziehen wollen. Auf Kosten ihrer Gesundheit und in totaler Verzweiflung wird Gold und Diamanten in alle möglichen Körperöffnungen zum Transport stecken.

Es zeichnet sich schon früh ab, dass die herrschenden Verhältnisse nicht ewig bestehen können. Zum Ende stürzt der Tempel. Das muss er auch! Er ist zwar nicht auf Sand wohl aber auf dem Rücken der Geknechteten erbaut und dieser Untergrund ist ungefestigt und in Bewegung. Der Zorn der Entrechteten richtet sich auch gegen die oberen der Kirche. In einer schockierenden Szene wird der lokale Pfarrer gerichtet. Sein Flehen nach friedlichen Lösungen bleibt ungehört. Eine solche Forderung kann nur jemand vorbringen, der über sich nur den gütigen Gott als Herren hat. Er wird von der revolutionären Gewalt hinfort gefegt. Es herrscht ja schließlich Klassenkampf.

Wer sich den Weberaufstand weniger gewaltvoll vorgestellt hat, der liegt eindeutig falsch.

Die Weber entfaltet seinen Reiz über seine Bilder, auch wenn diese leicht unterkomplex sind. Der Aufbau der modernen Konsumgesellschaft ist dann doch nuancierter als hier dargestellt. Aber schöngeistige Subtilität ist bei den angesprochen existentiellen Nöten auch fehl am Platz. Beindruckend ist Márton Ághs – Verantwortlich für die Bühne– Umgang mit dem Theaterraum und den von ihm geschaffenen Kulissen.

Schon wegen des Bühnenbilds und dem späteren Bildersturz lohnt sich der Theaterabend. Man wird mit einem wuchtigen 5. Akt aus dem Stück entlassen.

 

Premiere am 27. Mai 2017 am Alstertor
https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-weber/

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juni 2017 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , , , , .
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