Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

And I say: Also was, was du meinst, was ich, was ich glaube was das ist, Hübner,Wiebel,Zielinski Uni Hildesheim (KSJR 2017)

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And I say: Also, was du meinst, was ich, was ich glaube was das ist, Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

And I say: Also was, was du meinst, was ich, was ich glaube was das ist
Regie, Performance & Konzept Sophie Hübner,Till Wiebel, Laura Zielinski
Universität Hildesheim / Institut für Medien,Theater & populäre Kultur
Do 15. Juni 15 & 17 Uhr Bühne Theaterakademie

Von Paloma Rak

 

Liebe. Ein Gefühl, welches jeder von uns zu kennen glaubt, aber doch nicht so recht zu beschreiben weiß. Schon große Dichter und Philosophen, wie Homer oder Platon wurden von diesem kaum beschreibbaren, aber dennoch so großartigem und unser menschliches Wesen bestimmenden Gefühl auf Trab gehalten.

Zu Beginn aller Zeiten, da war die Beschaffenheit der Menschen eine andere, so eine der vielen Vorstellungen vom Ursprung der zwischenmenschlichen Anziehungskraft. Damals waren die Menschen kugelförmig mit zwei Gesichtern und jeweils vier Armen und vier Beinen. Durch einen Unfall wurde diese Kugel zerspalten. Als nun ihre Körper in zwei Teile zerschnitten waren, da sehnte sich jede Hälfte mit unendlichem Verlangen nach ihrer anderen Hälfte. So sucht seit damals jeder Mensch den zu ihm gehörenden Menschen, um sich mit ihm wieder zu verbinden.

Zurück in der heutigen Gegenwart, auf der Bühne der Theaterakademie Hamburg beim Festival des Körber Studio Junge Regie: Auf den ersten Blick: Zwei große Leinwände stehen auf der Bühne, auf der ersten die Projektion eines gelben Reclam-Heftchens der „Odyssee“ von Homer, auf der zweiten Leinwand die Einblendung eines Songtextes in Karaoke-Form. Die drei jungen Nachwuchstalente, der Universität Hildesheim treten hinter die Leinwände auf die Bühne und es kommt alles ganz anders als man denkt. Die Gesichter der drei Performer erscheinen wie in einer Skype-Übertragung auf der einen Leinwand und es beginnt eine Bestandsaufnahme der vielseitigen Facetten des Gefühls „Liebe“. Hübner, Wiebel und Zielinski bewegen sich wie regelrechte Medienkünstler von Kamera zu Kamera, mal nur als Schatten auf einer Leinwand, mal im schonungslosen Close-Up, mal als hemmungsloses Miley Cyrus Double.

Im Laufe der Performance entsteht eine Erzählung, die (fast) alle Sinne anspricht: Die Projektionen bieten Bilder und Blickwinkel auf Situationen, die eigentlich jeder von uns kennt, auch wenn Einiges davon, wie zum Beispiel die schmerzhafte und peinliche Begegnung mit dem Ex, nicht gerne wieder in Erinnerung gerufen wird.

„In der Konfrontation von Bildmaterial, Videosequenzen, vermeintlich privaten Sprechens und Erzählpassagen entsteht eine komplexe Erzählung als Generationenportrait.“, so heißt es in der Begründung des Körber Studios für die Teilnahme der drei Performer im Wettbewerb der jungen Nachwuchstalente. Und genau das ist es auch: Die drei Performer nehmen das Publikum mit auf eine Forschungsreise. Eine Dokumentation, dessen was du meinst, was ich denke, was es ist. Szenen aus amerikanischen Hollywoodfilmen, die garantiert jedem Einzelnen im  Publikum ein Schmunzeln entlocken, gemischt mit persönlich anmutenden Geschichten und Erlebnisse von gelungenen und nicht so gelungenen Beziehungen, Klischees, Sehnsüchte und Hoffnungen, die sich von Generation zu Generation kaum verändert haben. Und mittendrin: Odysseus und Penelope. Der Vorreiter aller Liebesgeschichten schlechthin. Eine verrückte aber geniale Kombination!

Um die Geschichte der zwei Liebenden zu entstauben, schrecken die Performer selbst nicht vom Singen ab: in einer poppigen Karaoke-Version wird der 25. Gesang der Irrfahrt Homers vorgetragen, in dem Penelope erfährt, dass ihr Mann heimgekehrt ist und dies zunächst nicht glauben möchte. „Doch ist er es wirklich, mein Odysseus, der wiederkam?“ Mit der Heimkehr Odysseus im zwanzigsten Jahr seiner Reise endet der antike Heldenmythos. Den drei jungen Talenten ist dies aber nicht genug: Sie erspinnen sich verschiedene alternative Enden, die in eine sexuell vielseitig orientierte moderne Welt, wie die unsere besser passen. Odysseus kommt heim und beschließt von nun an mit einem Mann zusammen zu leben. Oder: Odysseus kommt heim und findet seine Penelope in einer großen Patchwork-Familie, mit vielen Kindern aus ebenso zahlreichen Beziehungen wieder.

Am Ende stehen Hübner, Wiebel und Zielinski hosenlos, nur mit einem weißen Hemd bekleidet und mit Plastiktüten um die Füße gebunden vor dem Publikum. Der Applaus für ihre kluge und humorvolle Performance ist definitiv berechtigt.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/and-i-say…/

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 16. Juni 2017 von in Körber Studio und getaggt mit , , , , , , , .
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