Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

ABRAUM – Swen Lasse Awe, OFS München (KSJR 2017)

Koerber Studio Junge Regie 2017

„Abraum“, Foto: Krafft Angerer

Abraum
von Wilke Weermann
Regie Swen Lasse Awe
Otto Falckenberg Schule, München
Mi 14. Juni 19 Uhr Thalia Gaußstraße

von Julia Lange

„Abraum“ – was sich dahinter wohl verbirgt, fragt man sich, wenn man den Titel zum ersten Mal sieht. Nach einem Blick ins Programmheft und google-search ist man bereits ein wenig klüger: Begriff aus dem Bergbau; die nicht nutzbare Erd- oder Gesteinsschicht über Bodenschätzen. Aha. Mit anderen Worten (s. Programmheft): „Das Zeug also, das keinem nützt.“

In Swen Lasse Awes Regiearbeit wird der „Abraum“ zum Unort bzw., mit Foucault gesprochen, zur Heterotopie – also einem Ort, an dem von der Norm abweichendes Verhalten (z.B. im Gefängnis bzw. der Psychiatrie) praktiziert wird, das durch den Mechanismus der Ausgrenzung der Andersartigen und dessen Verbannung an die Ränder der Gesellschaft einerseits das bestehende gesellschaftliche Herrschaftssystem stabilisiert, andererseits zugleich zur Reflexion und zum Hinterfragen tradierter gesellschaftlicher Normen einlädt. In Wilke Weermanns Abraum ist der heterotopische Ort der Rand eines Steinbruchs, der mit einem raffinierten Bühnenbild, das sich aus mehreren Dutzend aneinander gereihten hohlen Holzkästen, über die die SchauspielerInnen während des Abends balancieren (bzw. gelegentlich auch daran scheitern) suggeriert wird. Die Unsicherheit und Fragilität der alltäglichen Lebenswelt der fünf jugendlichen Figuren wird damit kongenial vor Augen geführt. Das Leben am Rand der Gesellschaft wird von Awe als regelrechter  Balanceakt inszeniert.

Das „Andere“ ist eine relationale Kategorie und benötigt per definitionem ein Zentrum zur Abgrenzung. Anders gesagt: das „Andere“ existiert nicht per se sondern wird erst im Verhältnis zu etwas „Anderem“ konstituiert. In Weermanns dramatischem Text ist dies die „die Stadt“, die von den Figuren als unheilvolle, gefährliche no-go area sporadisch anzitiert wird. Die Stadt fungiert in Weermanns Text als doppelte Projektionsfläche: für die Erinnerungen der Figuren, die sie mit dem Stadtraum verbinden, sowie zugleich für ihre Sehnsüchte und (Zukunfts-)Ängste, die sie auf die Stadt als Symbol des Verbotenen übertragen. Die Stadt wird gleichsam zur Herrschaftsbastion (man denke an die „Verbotene Stadt“ der chinesischen Kaiser in Peking, zu der der einfachen Bevölkerung der Zutritt verwehr blieb), die trotz ihrer (szenischen) Abwesenheit das Denken und Agieren der Figuren im Abraum affiziert und kontaminiert. Mit anderen, englischen Worten fungiert die Stadt als the presence of the absence.

Während die theoretische Rahmung und die bühnenbildnerische Umsetzung durchaus überzeugen, tut es das sich innerhalb von 70 Minuten zugetragene Bühnengeschehen leider nur bedingt. Das Thema des jugendlichen white trash, das in Abraum zentral verhandelt wird, ist kein nachgerade neues Sujet im zeitgenössischen Kunstdiskurs. An und für sich ist dies nicht problematisch, allerdings findet Abraum m.E. keine besonders innovativen Zugänge zur recycelten Thematik der weißen, sozial am Abgrund lebenden jugendlichen Gesellschaftssicht. Typische pubertäre Probleme wie der Umgang mit der eigenen Sexualität, geschwisterliche Konfliktsituationen und das spielerische Kräftemessen werden mit den Spezifika der das sozialschwache Milieu prägenden Perspektivlosigkeit verbunden, was zur Radikalisierung der Äußerungen und Handlungen der Figuren führt. Flächendeckende (Selbst-)Destruktion ist die Folge – bis die Figuren, einer Shakespearschen Hamlet-Inszenierung gleich, sich beinahe komplett selbst bzw. gegenseitig eliminiert haben. Es überlebt am Ende der Stärkste der Gruppe (suvival of the fittest; als Intertext dürfte nicht zuletzt William Goldings Lord of the Flies gedient haben), wobei dieser auch den Schulterschluss mit und Halt an dem sich bereits im hohen Lebensalter befindenden obdachlosen Figur sucht (die im Übrigen einen interessanten Kontrapunkt setzt, indem sie die Erzählungen rahmt und oftmals zugleich (unter-)bricht.). Ein bezeichnendes Bild, das in die Zukunft verweist und die (potentielle) Verlaufskurve und den Endpunkt des Lebens des Jugendlichen David, der den anstehenden Kampf gegen die goliathartigen gesellschaftlichen Machtstrukturen am Ende des Tages wohl verlieren wird, visuell vorwegnimmt.

Fazit: Abraum mag gegenwärtige Tendenzen der zunehmenden sozialen Schere innerhalb von Gesellschaften aufgreifen und problematisieren. Zudem fügt sich das Stück wunderbar in den derzeitigen Appell ein, sich – nicht zuletzt nach Trumps Wahl zum US-Präsidenten – der von den gesellschaftlichen (Kultur-)Eliten vernachlässigten weißen Mittel- (und auch Unter-)Schicht zuzuwenden. Das ewige Rumblödeln auf der Bühne (darunter (schier endloses) Wasserspucken, Schubsereien bzw. Rangeleien, etc.) reflektiert jedoch nicht nur die Perspektivlosigkeit der Figuren sondern zeugt auch von einer gewissen Einfallslosigkeit der Regie. Was macht man, „wenn {…} die letzte Geschichte erzählt ist?“, wird in Abraum gefragt? Eine Frage, die nicht nur die Figuren im Stück umtreibt sondern – auf metatextueller Ebene – auch selbstbezüglich in Bezug auf die zeitgenössische Regiepraxis im Theaterbetrieb gelesen werden kann. Dass Abraum dieser Frage nachgeht und diese gleichsam auf doppelter Ebene verhandelt, ist löblich. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass die während der 70 Minuten recycelten Textbausteine und Körperpraxen ähnlich raffiniert angelegt worden wären wie das Bühnenbild.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 15. Juni 2017 von in Körber Studio und getaggt mit , , , , .
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