Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Das achte Leben (Für Brilka)

Das achte Leben (Für Brilka)von Nino Haratischwili
Regie Jette Steckel
Uraufführung

Premiere am 8. April 2017 im Thalia Theater

„Das achte Leben (Für Brilka)“. Regie Jette Steckel. Foto: Armin Smailovic

Das achte Leben (Für Brilka)
von Nino Haratischwili
Bühnenfassung von Emilia Heinrich, Julia Lochte und Jette Steckel

von Danja Duta
Alle acht Leben rennen in einem großen Kreis über die Theaterbühne. Das poltern ihrer schnellen Schritte und die laute Musik schallen durch den Saal. Dieser Strudel aus acht so unterschiedlichen Menschen ist ein Strudel aus Generationen. Ein Strudel der Zeit. Plötzlich überholen sie sich, laufen nebeneinander her und lösen dabei die Chronologie auf, die zeitliche Ordnung ihrer Existenz. Stasia und Christine, dann Kostja und Kitty, danach die rebellische Elene, nach ihr Niza und Daria und zu guter Letzt die kleine Brilka, der 1993 das achte Leben geschenkt wird.

Doch nochmal zum Anfang: 1900 wird Stasia Jaschi in Tbilissi, der heutigen Hauptstadt Georgiens, als Tochter eines Schokoladenfabrikanten geboren. Wie unglaublich lang so ein Leben eigentlich sein kann, wird mir an diesem Premiereabend vor Augen geführt, während ich, in über vier Stunden, die Umbrüche, Revolutionen, Besetzungen und Kriege Georgiens innerhalb eines Jahrhunderts bestaune, die Stasia alle miterlebt. Knapp fünf Stunden! Vor dem Stück bin ich skeptisch. Sicherlich würde ich oft abschweifen, mich während zu langer Dialoge langweilen und mir irgendwann mittendrin ein schnelles Ende herbeisehnen. Doch zum Glück liege ich falsch. Kein Wort, keine Szene, keine Bewegung und keine Sekunde des Stücks waren zu viel. Von mir aus hätte dieses Stück gerne endlos weitergehen dürfen. Im Laufe des Abends habe ich mich in jeden einzelnen Charakter der Familie Jaschi, der, jeder für sich, voller Eigenarten steckte, verliebt. Ich war bei jeder Geburt dabei, kenne ihre Kindheitserlebnisse, ihre Ängste, ihre ersten Lieben, ihre gebrochenen Herzen und ihre Träume. Ich kannte sie so gut, dass ich das Gefühl hatte zu wissen wer diese Menschen waren und konnte verstehen warum sie taten was sie taten. Am Ende fühlte es sich fast an als wäre es meine eigene Familiengeschichte, die mir hier erzählt wurde.

Neben der Familiengeschichte der Jaschis bringt mich dieser Abend auch den Leidensweg Georgiens aus Sicht seiner Landsmänner und -frauen näher. Die Bühne wird dabei zur Zeitmaschine. Musik, Kostüme, Tänze und Sprache verändern sich mit jedem Jahrzehnt und nehmen mich mit auf eine Zeitreise durchs 20. Jahrhundert in ein Land, das ich bis vor kurzem kaum kannte. Auf die Bühne projizierte originale Videoaufnahmen aus den jeweiligen Epochen lassen mich vergangene Kriegsszenen, Demonstationen, glückliche Kindertage in der Sowjetunion und kommunistische Märsche miterleben. Ich vergesse, dass in Wirklichkeit nur Stunden und keine Jahrzehnte an mir vorbeiziehen.

Als alte Frau mit Falten im Gesicht und grauem Dutt sitzt Stasia mit ihrer Urenkelin auf dem kalten Küchenboden. Sie schrubbt einen roten Teppich, der einmal ihrer eigenen Großmutter gehört hatte. Nie hatte Stasia ihn zu schätzen gewusst, bis sie selbst älter wurde und begann seine Bedeutung zu verstehen. Und nun wollte sie ihn neu machen. Das bedeutet nicht ihn so zu machen, wie er zuvor war. „Das Alte wird neu, also anders.“, erklärt Stasia mit der gebrechlichen aber ruhigen Stimme einer Urgroßmutter. „Das Muster eines Teppichs ergibt sich aus der Gesamtheit der einzelnen Fäden. Jeder Faden ist wie ein Leben und erst durch die vielen verschiedenen Fäden, die miteinander verwoben werden, ist das gesamte Muster zu erkennen.“

Premiere am 8. April 2017 im Thalia Theater
https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/das-achte-leben-(fuer-brilka)/

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