Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Schere Faust Papier

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„Schere Faust Papier“ Regie Ersan Mondtag. Foto: Armin Smailovic

Schere Faust Papier
Von Michel Decar
Regie Ersan Mondtag

Von Fabian Starting

Schon am Eingang rieche ich die Nebelmaschinen – im Foyer hängt ein Hauch von Bühnenrauch in der Luft. Hinter dem Saaldiener am Einlass wird der Blick durch eine schwarze Holzwand verdeckt, es ist die linke Seite der saalgroßen Kiste, die die Bühne für den heutigen Abend sein wird. Jeder, der schon einmal das Thalia in der Gaußstraße besucht hat, weiß, dass die ehemalige Industriehalle kein klassischer Theatersaal ist. Für das futuristisch-technoide „Schere Faust Papier“ ist sie eine stimmungsvolle Spielstätte.

Auf dem oberen Rang der tribünenartigen Sitzplätze verfolgte ich das Schauspiel in der riesigen „Puppen“kiste vor mir. Als das Licht erlischt, lassen sich fünf anthropomorphe Wesen erkennen, mit grün schimmernder Haut und mit Fellen behangen. Oder sind sie gar gefiedert? Das Bühnenbild gleicht einer Kraterlandschaft, die im kalten Licht der Eingangssequenz wie ein Betonbunker oder Höhlengewölbe aussieht. Wahlweise erscheint sie dann auch, in warmes Licht getaucht, wie eine Wüstenlandschaft. Immer wieder quellen aus den diversen Öffnungen im Boden dicke Nebelschwaden hervor, die als grauer Teppich über den Boden wabern.

Einen Zugang zu diesen „Person“ vor mir finde ich erst im Verlauf der Handlung – alles ist erst mal technisch verfremdet und hält mich auf Distanz. Die Stimmen scheinen aus einer Talkbox zu kommen und die Bewegungen, ruckweise und schanierartig, wie von Fäden zogen, zeugen von der unglaublichen Körperbeherrschung der Schauspieler. Die humanoiden Wesen vollziehen in den gut 100 Minuten Spielzeit eine Evolution und nehmen gar menschliche Züge an. Sie führen den Zuschauer durch die Meilensteine der Menschheitsgeschichte, gezeichnet von Religion, Gewalt und Krieg.

Zu Beginn sitzen die fünf Fremden noch zusammengepfercht in ihrem Bunker und überleben das Bombardement ihres Planeten. Die Erde kann es dabei nicht sein, denn diese dreht unbeeindruckt, als blauer Ball verkleinert, im Hintergrund ihre Runden. Frei nach Platon verlassen die Protagonisten ihren höllenhaften Unterschlupf und beginnen den Aufstieg hin zu einer höheren Ordnung.  Was folgt ist eine Ansammlung an Szenen aus (Welt-)Kriegen, Revolutionsgeschehen und Kolonialgeschichten. Auch ästhetisch ist „Schere Faust Papier“ ein Amalgam aus popkulturellen Fragmenten, wie die Kakofonie von zeitgenössischen Popsongs belegt oder auch die handlungsbeeinflussende Felsformation – pyramidengleich – im hinteren Zentrum, scheint beim Regieberserker Kubrick abgeschaut.

Als sich dann, kurz bevor der Vorhang fällt, die Eingangssequenz wiederholt, schließt sich der Kreis und es wird die schmerzliche Wiederkehr des Gleichen bewusst.

„Schere Faust Papier“ ist eine frenetische Reflektion des dunklen Teils der Conditio Humana. Ein anspruchsvolles Werk mit wirkmächtiger Inszenierung, das mich nicht durchweg ansprach, doch seine Akzente durchaus setzen konnte.
Premiere feierte „Schere Faust Papier“ am 18. Dezember vergangenen Jahres.
Für den 15. April und den 10. Mai sind noch zwei weitere Vorstellungen im Thalia in der Gaußstraße geplant.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/schere-faust-papier/

 

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