Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

#truth – Ein sokratischer Abend

T#truth – Ein SOKRATISCHER Abend Thalia Theater

„#truth – Ein sokratischer Abend“Regie Giacomo Veronesi. Foto: Krafft Angerer.

#truth – Ein SOKRATISCHER Abend
Regie Giacomo Veronesi

Von Melis Günay

„Wahrheit ist ein Wort wie ein Zeppelin: außer Reichweite. Und worauf steht: ‚Sei vorsichtig, wie du mich benutzt’“

„Warum sind wir hier? Was sind die Spielregeln? Was sind die Grenzen zwischen uns?“ Das sind die Fragen, die sich bzw. uns der junge Mann auf der Bühne zu Beginn der Vorstellung stellt. „Ihr habt bezahlt.“ lautet zunächst seine Antwort. Sie leitet ein in einen knapp anderthalbstündigen Dialog aus Fragen und Gedanken, denen ich zu folgen versuche.

Aus dem Titel lässt sich erahnen, was die Substanz dieses Dialogs ist: #truth. Die Wahrheit in einer Zeit, in der wir uns Fragen von Siri und google beantworten lassen, in der wir womöglich gar nicht mehr selbstständig denken. Was sich jetzt zunächst anhören mag wie eine trockene Philosophiestunde, ist „in Wahrheit“ ziemlich unterhaltsam. Wer allerdings auf klassisches Theater hofft, ist hier nicht richtig. In diesem Stück spielen die beiden Schauspieler ziemlich untypisch mit uns, dem Publikum. Dabei greifen sie auf, was heutzutage im öffentlichen Diskurs immer wieder Thema ist: Was ist eigentlich wahr? Was sind Lügen, Unehrlichkeiten, Widersprüche?

In lässigen Klamotten und mit lockerer Sprache holen die Darsteller das Publikum in der hell ausgeleuchteten Garage direkt ab. Der Dialog fühlt sich spontan an und ist offen für die Gedanken der Zuschauer. Der ein oder andere äußert sich sogar zu dem, was besprochen wird. Gesang, Musikpausen und dramatische Einlagen sorgen für ausgelassene Stimmung – bei uns und auch bei den Schauspielern. Ich kann mich nicht erinnern, wann ich im Theater das letzte mal so viel gelacht habe.

Das Gespräch auf der Bühne wirkt konfus und doch stimmig. Am liebsten hätte ich den gesamten Dialog mitgeschrieben, um ihn mir noch einmal in Ruhe durchzulesen. Es macht den Eindruck, als scheiterten sogar die Darsteller selbst an dem Versuch, allen Argumenten folgen zu können. Ich bin aber froh, die Denkanstöße mitnehmen zu können und endlich mal wieder ein bisschen zu philosophieren – das habe ich schon lange nicht mehr gemacht.

„Die Wahrheit existiert, aber sie ist komplett verrückt geworden, weil sie Geld ist und Donald ihr Prophet.“ Wir gelangen von der Frage, was wir eigentlich im Theater machen über Pilatus und Platon, über das Krocketspiel bei Alice im Wunderland, über den Westen und den Osten schlussendlich zu der Feststellung, dass wir alle Gläubige(r) sind. Denn wir glauben an Geld. Wie genau wir dort gelandet sind? Ich weiß es nicht. Immerhin weiß ich am Ende also auch, dass ich eigentlich nichts weiß. Und damit wird das Stück tatsächlich zu einem gelungenen sokratischen Abend.

Premiere am 5. März 2017 im Thalia in der Gaußstraße (Garage)

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/truth–ein-sokratischer-abend/

 

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