Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst

Wer einmal aus dem Blechnapf frisstvon Hans Fallada
Premiere am 24. Februar 2017 im Thalia Theater

Regie Luk Perceval

„Wer einmal aus dem Blechnapf frisst“ von Hans Fallada. Foto: Armin Smailovic

Wer einmal aus dem Blechnapf frisst
von Hans Fallada
Regie Luk Perceval

Von Mona Li

Woher soll ich denn wissen, wie es sich jede Sekunde, Minute und Stunde anfühlt, jedes morgendliche Zähneputzen und jedes zu Bett gehen – mit dem Gedanken daran, dass der  nächste Morgen wieder in einer Zelle beginnt. Noch viel weniger kann ich mir vorstellen, wie es ist, nach fünf Jahren Gefängnis endlich  wieder  Freiheit einzuatmen.
Als Willi Kufalt, in dem Stück Wer einmal aus dem Blechnapf frisst von Hans Fallada, hervorragend authentisch von Tilo Werner gespielt, das Gefängnis nach fünf Jahren Haft  verlässt, riecht die Luft nicht nach Freiheit und Freude. Ganz im Gegenteil.  Die Gesellschaft stellt sich quer. Einer, der mal im Knast war, den will man sich nicht ins Haus holen. Willi resigniert  trotz der Anhäufung von Ungerechtigkeiten zunächst nicht. Er versucht immer wieder, zu einem Platz in der Gesellschaft zurückzufinden. Ohne glücklichen Erfolg. Willis Verhängnis – das Gefängnis.
Nach einer Weile stellen sich Kufalts Methoden gegen das etablierte System der Gesellschaft. Er beginnt zu lügen, zu stehlen und schließlich sogar zu schlagen. Dabei ist ihm damals lediglich wegen Urkundenfälschung und Unterschlagung die Freiheit verwährt worden. Der Grund für Willis zwielichtige Machenschaften ist allerdings nicht, dass er kriminell  sein will – es ist vielmehr die Gesellschaft, die ihn dahin drängt. Die Gesellschaft verpasst ihm nach und nach Schläge, bis er sich wehrt, um zu überleben. Und dann schlägt er zurück und landet schließlich wieder als Gefangener in einer Zelle. Denn die Sehnsucht nach Freiheit  fühlt sich für Willi besser an, als die Erfüllung.

Was diese Inszenierung zu einer ganz besonders guten macht, ist, dass die sieben Schauspieler  ausgezeichnet in zig verschiedene Rollen schlüpfen. Mit Kölscher Dialekt, Sächsisch und  Russisch sowie mit urkomischen und teilweise tierischen Charakterzügen schafft es  Perceval, dass man sich über die meschuggen Charaktere kaputt lacht, sich aber  gleichzeitig daran erinnert, dass die freien Menschen es eigentlich sind, die in ihrem  System gefangen sind und dabei krank, labil und verrückt werden. So verrückt, dass es  einerseits Spaß macht, darüber zu lachen, man andererseits aber erkennt, dass genau diese  vermeintlich freien Menschen sich selbst vergessen haben. Trotz verhältnismäßig vieler  Szenen mit wildem Gepimpere, schafft es Luc Perceval mit viel Dynamik, Komik und  subtiler Gesellschaftskritik, ein selten beleuchtetes Schicksal zu inszenieren, für welches es  sich lohnt, seine Freiheit zu investieren.

Premiere am 24. Februar 2017 im Thalia Theater

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/wer-einmal-aus-dem-blechnapf-frisst/

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