Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Mutter Courage und ihre Kinder

Mutter Courage, Thalia Theater

„Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht. Foto: Krafft Angerer

Mutter Courage
und ihre Kinder
von Bertolt Brecht
Musik von Paul Dessau
Regie Philipp Becker

Von Jagoda Stempczyńska

„Der Frieden ist ausgebrochen!“ – die verzweifelte Stimme der Mutter Courage ergreift und versetzt mich sofort in Entsetzen, sodass ich mein Gesicht verziehe. Wie kann man einen solchen Gedanken überhaupt aussprechen? Die Protagonistin lebt vom Krieg – aus diesem Grund vertritt sie diese Meinung. Anfangs bedeutet der Feldzug für sie nur einen reinen Gewinn ohne Verluste. Als Marketenderin begegnet Anna Fierling verschiedenen Heeren auf dem Weg in den letztlichendlich folgenden Untergang der Menschheit. Schließlich verliert sie alles: ihre Kinder sowie Hab und Gut; denn der Krieg endet immer unbestreitbar in einer Katastrophe.

Obgleich das Brechtsche Stück als Warnung vor dem Zweiten Weltkrieg gedacht war, kann es universal verstanden werden. Der Autor entlarvt den schrecklichen Mechanismus des Krieges lediglich anhand des Dreißigjährigen Krieges. Der Text ist von vielen Passagen durchzogen, die für einen Pazifisten fast schon obszön klingen. Als Zuschauerin frage ich mich im Laufe der Aufführung oft, ob die Schauspieler das gerade wirklich gesagt haben. Die Inszenierung fand ich trotzdem spannend und sehr berührend. Eine deutliche Distanz zwischen den Figuren und dem Publikum wird hergestellt, indem der Regisseur – Philipp Becker – die Regeln des epischen Theaters berücksichtigt. Meiner Meinung nach können sich die Zuschauer nicht mit den Helden aus „Mutter Courage“ identifizieren. Allerdings kann man die Problematik des Werkes von außen betrachten und sich mit den eigenen Gedanken auseinandersetzen. Dies lässt sich als ein totaler Perspektivenwechsel einordnen.

Die Musik leistet den Zuschauern bei dieser Aufführung wie treue Soldaten Gesellschaft. Es wird wirklich viel gesungen – eine schöne Mischung aus Philharmonie, Kirche und Oper zeigt den Schrecken des Krieges auf. Nicht nur die Töne selbst spielen eine wichtige Rolle, sondern auch die Mitglieder des Chors. Die Sänger übernehmen die Funktion der Armee, in dem sie in vielen Momenten die Bühne überfüllen und die Hauptdarsteller umkreisen.  Anstatt mit Gewehren überfällt der Chor das Publikum mit seinem Gesang. Auch mit Worten kann Leid antun – sie können gefährlicher sein als Waffen.

Dieses Konzept von Brecht, auf Menschen mit Sätzen zu schießen, zwingt die Zuschauer zur Reflexion. Dieses intelligente Täuschungsmanöver vollzieht er ganz ohne Gewalt. Hut ab!

Von diesem Abend nehme ich eine erschütternde Erinnerung an die unvergessliche Tatsache mit, dass der Krieg nur Schaden mit sich bringt. Unter dem Deckmantel von Religion oder Ideologie sterben Tausende unschuldige Menschen, Städte werden zerstört und die Wirtschaft wird stark beeinträchtigt. Recht und Verstand, Humanität und Vertrauen – alles geht verloren. Der Krieg nützt niemandem, was die desillusionierte Mutter Courage aus ihren Fehlern lernt. Zusammenfassend kann man Brecht zitieren: „Will vom Krieg leben, wird ihm wohl auch etwas geben“. Heute gibt’s auch nichts umsonst…

Premiere am 27. Januar 2017 im Thalia Theater

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/mutter-courage-und-ihre-kinder/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Februar 2017 von in Allgemein, Lessingtage, Premierenblog und getaggt mit , , , , , , , , , , , .
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