Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Martin Luther Propagandastück

13325__martin_luther_propaganda_7603_dorothea-tuch

„Martin Luther Propagandastück“ Foto: Dorothea Tuch

Martin Luther Propagandastück
von Boris Nikitin
mit dem Performer Malte Scholz und dem Unity Gospelchor Pankow
Gastspiel HAU Berlin (Koproduktion)

von Jagoda Stempczyńska

Was ist eigentlich dieses Propagandastück? Laut des Programms der Lessingtage sei es „eine Mischung aus freidrehendem theologischen Diskurs und ästhetischer Motivations-Predigt, ein Religions-Ready-made ohne Ironie“. Tatsächlich?

Warum eine Predigt? Der Performer versuchte über eine Stunde lang, die Ideologie des Zweifelns zu vermitteln. Er wollte die Frage „was ist der Glaube?“ beantworten beziehungsweise eher die Zuschauer zu dieser Fragestellung bewegen. Seine Ziele waren den Überlegungen Luthers ähnlich – man sollte nicht ohne Infragestellung des Glaubens an Gott glauben. „Trauen Sie sich, Nein zu sagen!“ – ein inständiger Appell ans Publikum, um es aus dem Halbschaf aufzuwecken, um sich einen stillen Kontemplationsmoment zu gönnen. Der Darsteller behauptete, man denke nicht klar, wenn man nur „Ja“ sage, sondern man bejahe nur die Wirklichkeit. Aber was ist denn im Grunde die Wirklichkeit? Nach der Vorstellung von Malte Scholz (Performer) und Boris Nikitin (Regisseur) lässt sich der Begriff als „verinnerlichte Fiktionen“ definieren. Um die trügerischen Illusionen loszuwerden müsse man sich selbst Fragen stellen. Obwohl wir keine eindeutige Antwort bekommen, geben wir uns Mühe, etwas vollkommen zu verstehen. Der Prozess sei doch wichtiger als das Ergebnis, was „Nein ist ein neues Ja!“- die These des neuen Luthers zum Ausdruck bringt. Jedoch erst nach der kritischen Auseinandersetzung kann man feststellen, dass keine Beweise nötig sind, um – trotz des Fehlens einer formalen Bestätigung – zu glauben.

Warum ein theologischer Diskurs? Auf der Bühne wurde viel über den heiligen Thomas und die Berührung der Wunde Christi diskutiert. Geschah die Tat des Ungläubigen wirklich, oder nicht? Durch seine rot lackierten Fingernägeln deutete der Performer an, dass die umstrittene Geste tatsächlich stattfand. Durch diese Brechung der Männlichkeit sollte sich der Zuschauer mit der Figur identifizieren. Dies scheint mir entbehrlich zu sein, weil die Menschen die Fähigkeit des abstrakten Denkens besitzen. Allerdings personifizierte interessanterweise Malte Scholz gleichzeitig zwei biblische Figuren: Nicht nur den ungläubigen Thomas, sondern auch Christus selbst, was der Darsteller durch seine Nacktheit zur Geltung brachte. Sollte die Doppelrolle Bezug auf verschiedene Dimensionen des Glaubens nehmen? Das entzieht sich meiner Kenntnis.

Warum eine Performance? Im Gegensatz zu anderen Fragen, die sich auf dieses Stück beziehen, ist diese leicht zu beantworten. Die Zuschauer wurden einem Experiment unterzogen – man sollte seinem Nachbarn tief in die Augen schauen und dadurch Liebe offenbaren. Der Performer forderte das Publikum auf, ihre Herzen zu öffnen. Aus meiner Sicht wurde dem Publikum eine schöne Gehirnwäsche angeboten. Der neue Martin Luther sagte uns, was wir machen sollten – egal, was wir darüber dachten, oder wie wir uns damit fühlten. Ist das nicht der pure Wahnsinn, das sinnlose Handeln ohne Verstand, die der namhafte Reformator beseitigen wollte? Könnte es ein ironisches Element in der Performance sein? Nein, ihre Autoren schlossen die Möglichkeit mit der Äußerung aus, dass die Aufführung kein solches enthalte.
An dieser Stelle müssen positive Aspekte erwähnt werden: Ich fand die Rolle der Beleuchtung bedeutsam und vielsagend. Obwohl das Bühnenbild sich als sehr bescheiden beschreiben lässt, gefiel mir die Metaphorik des Lichtes sehr. Im Laufe des Stücks, mit der Erweiterung einer Liste der Zweifel und Fragen, wurde das Licht ansatzweise gedämpft, um am Ende das Publikum mit der Aufforderung zur Nächstenliebe mithilfe des Scheinwerferlichts zu blenden. Auf der Bühne konnte man einen hervorragenden dreißigköpfigen Gospelchor bewundern, der sich regelmäßig in den ein wenig überfüllten Monolog des Performers einschaltete. Obgleich die Musik einen kleinen Raum für kurze Betrachtungen verschaffte, fand ich die Pause zu kurz – ich würde mir mehr Zeit dafür wünschen.
Zusammenfassend muss ich gestehen, dass das Propagandastück für mich zu wenig Elemente des Theaters auf der Bühne enthielt. In dieser künstlerischen Mischung war zwar alles zum Teil da, aber nur in geringem Maße. Der Performer kam mir sogar nicht wie ein richtiger Schauspieler vor, sondern eher wie ein guter Redner einer „Sekte der grenzenlosen und erzwungenen Liebe“. Noch einem anderen Punkt aus der Beschreibung des Stücks kann man zustimmen: es war wirklich ein außergewöhnlicher Abend.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/martin-luther–propagandastueck/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Februar 2017 von in Allgemein, Lessingtage und getaggt mit , , , , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: