Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Glaubenskämpfer

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„Glaubenskämpfer“ von David Calis. Foto: David Baltzer

Religionssuche zwischen Kloster, Moschee und Synagoge
von Nuran David Calis
Gastspiel Schauspiel Köln

von Eugenia Portioli

Ich fühle keinen Gott. Ich will ihn auch nicht. Gar nicht. Das ist eine Empfindung, eine Privatsache. Ich entscheide mich für oder gegen ihn. Ich sage: „Nein, ihn gibt es nicht.“ Daran glaube ich. Über Glauben kann man ja doch friedlich reden. Jeder hat die Freiheit und damit die Verantwortung eine persönliche Meinung dazu zu haben – oder nicht? Warum haben wir das Bedürfnis über Gott zu sprechen? Um die existenzielle Leere zu füllen, die uns ansonsten verschlingen würde? Das würden einige behaupten. Oder um mit unserer Kleinigkeit klarzukommen? Das vielleicht auch. Es ist ja im Endeffekt auch egal.  Die alten Werte, in denen unsere Großeltern so stolz verankert waren, verlieren in unseren „aufgeklärten Zeiten“ an Bedeutung. Dabei greifen Glaube, Religion und Gott auf unsere „moderne“ und „säkulare“ Gesellschaft bis in die Politik hinein. Die frühere große, längst beiseitegelegte Frage nach dem Göttlichen und dem großen Sinn der menschlichen Existenz, strebt heute immer stärker nach neuer Anerkennung und wird zum Fakt der menschlichen Auseinandersetzung. Und es ist keine Frage mehr der Entscheidung. Es ist heute einfach wieder Realität. Egal ob aus Quebec, Damaskus, Mogadischu, Diyarbakir oder Berlin: Die Konsequenzen vom religiösen Extremismus und politischer Radikalisierung zeigen sich in all ihrer Absurdität tagtäglich in jeder Zeitung durch die schockierenden Bilder von Terroranschlägen, die im Namen (irgend)eines Glaubens verübt werden.

Für „Glaubenskämpfer“ hat der Regisseur Nuran David Calis auf der Bühne Gläubige gesammelt, Menschen, deren Leben von der Überzeugung der Existenz eines Gottes geregelt werden. Darunter sind eine Nonne, die nach den christlichen Benediktsregeln lebt, ein in Israel geborener jüdischer Psychotherapeut, dessen Familie zum größten Teil dem Schrecken des Holocausts erlegen ist, ein mit 17 Jahren zum Islam Konvertierter, der eine Zeitlang aktiver Mitglied der deutschen extremistischen Salafistenszene gewesen ist und drei türkischstämmige in Köln lebende Muslime, die sich in ihrem Alltag auf ihre ganz persönliche Art und Weise mit den Fragen der Religion beschäftigen.

Lessings utopische Hoffnung nach einer endgültigen Versöhnung taucht hier wieder in theatralischen Raum auf und gerät in Streit. Und dennoch geht es heute Abend nicht um Theater. Vielmehr hat man das Gefühl, man würde einer Fernsehen-Talkshow beiwohnen. Vier Schauspieler, Ensemblemitglieder am Schauspiel Köln, moderieren die Diskussion: Sie wollen über Gott reden, um religiöse Versöhnung zu finden. Einer nach dem anderen erzählen die Befragten von dem eigenen Umgang mit dem Glauben, von Zweifeln und Widersprüchen, Konflikten und Offenbarungen. Sie inszenieren einen Dialog.

Die Bühne ist wie ein Karussell. Auf Sitzen verschiedener Art drehen die Figuren wie im Kreis um eine vertikale Achse – ob diese den einen Gott der drei monotheistischen Religionen symbolisieren soll? Jedenfalls scheint es unmöglich über Gott zu reden, ohne in Streitigkeiten zu geraten. Auf drehende Wände werden Videos von den Frauen und Männern projiziert, mit denen der Regisseur zusammengearbeitet hat. Es sind Christen, Muslime, Juden, Hassprediger, Salafisten, Fanatiker und Gelegenheitsbeter. Und die Frage nach Extremismus und Radikalisierung in Namen eines Gottes oder Glauben kommt immer wieder vor. Kann man miteinander zusammenleben? Die Konfrontation ist andauernd und resultiert in keine zufriedene Erlösung.

Wie kann man heute über Gott reden? Nuran David Calis gibt dazu keine Antwort. Niemand unter den hier präsentierten Figuren vertritt den (einen) richtigen Glauben, alle glauben an (irgend)etwas. Dabei soll es nicht um eine Religion gehen, sondern um den Weg, wodurch die Menschen sich mit Religionen auseinandersetzen und konsequent handeln. Es geht nicht um Glauben, sondern um Begegnungen.

Unsere Vorstellungen dieser Welt mögen Illusionen sein. Dennoch sind sie Bestandteil der einzigen Realität, die wir kennen und in der wir wirken können.

Die Entscheidung – die Freiheit etwas zu entscheiden – die vielleicht bleibt ja uns noch.

Am 1. Februar 2017 im Thalia Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/glaubenskaempfer/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 21. Februar 2017 von in Lessingtage und getaggt mit , , , , , .
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