Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Wallenstein

 

Wallenstein

„Wallenstein“ von Michael Thalheimer. Foto: Katrin Ribbe

von Friedrich Schiller
Regie Michael Thalheimer
Gastspiel Schaubühne Berlin

 

von Fabian Starting

Wallenstein kündigt sich an, noch bevor der erste Akt anfängt. Das Licht im großen Saal des Haupthauses ist noch nicht gelöscht, da dröhnen bereits die ersten Basstöne von der Bühne herüber und beenden jäh das Gemurmel im noch hellen Zuschauerraum. Um mich herum schrecken einige Banknachbarn laut hoch und mich durchfährt ein kurzes Zucken. Auf diese Eröffnung bin auch ich nicht vorbereitet. Begleitet von den tiefen, technoiden Synthesizerklängen, hebt sich der Vorhang und gibt den Blick auf die Bühne frei. Dort ist erst einmal nichts zu sehen. Dicke Rauchschwaben quellen unter dem Vorhang hervor, wie bei einem Schwelbrand. “Feuer!“ ist mein erster Gedanke, doch die anderen Zuschauer bleiben ruhig und so bleibe ich es auch. Wahrscheinlich ist es aber auch nur der Pulverdampf des Dreißig Jährigen Krieges. Die Musik schwillt derweil noch an und klingt industriell und verfremdet. Sie wabert durch den Saal und auch der Rauch zieht zum Publikum herüber. Die Musik wird noch die ganze Vorstellung begleiten und die Handlung einbetten. Erst nach Minuten lassen sich schemenhaft Personen erkennen, die gespenstisch einen Pferdekadaver umringen.Das Bühnenbild ist überschaubar, nur ein gehäutetes Pferd, am Rücken zerteilt und an den Vorderhufen aufgezogen, pendelt in der Mitte der Bühne. Daneben lässt sich ein Lehnsessel und auf ihm eine Gestalt ausmachen. Sie wird sich als Herzog Wallenstein vorstellen und allen Szenen beiwohnen. Als eine halbnackte, blutverschmierte Frau zum Bühnenrand schreitet und in den dunklen Saal deutet, ist mir klar, dass es an diesem Mittwoch – kurz nach 18 Uhr – kein gemütlicher Theaterabend wird.

Die Berliner Schaubühne ist für die Lessingtage zu Gast in Hamburg und am zweiten Spieltag von Schillers Wallenstein ist der Saal restlos ausverkauft. Der Regisseur Michael Thalheimer inszeniert das Werk in einem modernen und minimalistischen Gewand. Keine der zwei Requisiten ist zu viel und ohne Kulissen wirkt die Bühne wie das Innere einer Fabrikhalle. Die Kostüme sind in zeitgenössischer Mode gehalten: Hemden, Krawatten und die Militärs tragen abgewetzte Paradeuniformen. Das Alles steht im starken Kontrast zur Handlung im 17. Jahrhundert und der opulenten Sprache Schillers. Die ausladenden Sätze wurden von den Schauspielern mit Verve vorgetragen, doch auf Grund der hohen Schlagzahl und dem schnellen Tempo bleibt mir für ein tieferes Verstehen kaum Zeit.
Michael Thalheimer verdichtet die drei Bücher der Wallenstein-Trilogie zu einem drei stündigen Epos. Gespielt wird die Tragödie als Kammerspiel, bei der die Figuren je nach Situation zur Bühnenkante hin oder in den Hintergrund zurückziehen. Wallenstein ist Protagonist und der zentrale Bezugspunkt. Er wird seinen angestammten Platz auf dem vorderen Drittel der Bühne nie verlassen und selbst in den Szenen ohne ihn, wird er noch wie ein böser Fluch über allem liegen. Auf dem Zenit der Macht befindend, entspannen des Herzogs Untergebene Kabale um Macht und Verrat, die Schluss endlich Wallensteins Tod besiegeln werden. Das Stück lebt von der körperlichen Präsenz von Ingo Hülsmann in der Hauptrolle. Er gibt den Wallenstein als kriegsmüden Heeresführer, der durch zögerliches Handeln und zeitweilige Untätigkeit in den Strudel aus Chaos und Verderben hineingezogen wird.
So wie das Stück mit einem Paukenschlag begann, so hört es unter Donnergrollen auf. Auf regenverhangener Bühne findet Wallenstein sein blutiges Ende. Auch seiner Familie wird das gleiche Schicksal wiederfahren.
Michael Thalheimer gelingt eine bildgewaltige Inszenierung. Benommen von den akustischen und visuellen Eindrücken verlasse ich den Saal und bin beindruckt von Bildern, die mich den Abend noch beschäftigen sollen.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/wallenstein/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Februar 2017 von in Allgemein, Lessingtage und getaggt mit , , .
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