Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Città del Vaticano

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„Città del Vaticano“ von Falk Richter. Foto: Schauspielhaus Wien

Città del Vaticano
von Falk Richter und Nir de Volff
Gastspiel Schauspielhaus Wien

von Julia Lange

Città del Vaticano. Schon der Titel klingt vielversprechend. Italienisch wohlklingend eben. Zugleich aber wohlgemerkt nicht befremdlich. Die Erwartungshaltung wird allerdings enttäuscht. Nicht im ästhetischen Sinn – das Theaterstück hat durchaus, wie bereits der Titel anklingen lässt, seine innere Stimmigkeit und Charme. Die Kritik am korrupten, dem Kindesmissbrauch verfallenen Vatikanstaat jedoch ist beißend und pointiert. Mitnichten alternative Fakten. Obgleich diese während des Abends auch zur Sprache gelangen.

Falk Richters Regiearbeit ist eine Textcollage, die auf dem Prinzip der Mehrstimmigkeit und Multiperspektivität basiert. Die insgesamt sieben Akteure verkörpern im Laufe des Abends diverse Rollen, die von gottesfürchtigen Gläubigen zu religiös Abtrünnigen bis zu radikalen Atheisten reichen. Der Stellenwert und die Funktion von Religion in unserer heutigen Gesellschaft sowie damit verbunden vor allem die Kritik an der Rolle der Kirche als Institution mit ihren gestrigen, überkommenen Dogmen, Werten und Positionen zu Themen wie gleichgeschlechtlicher Ehe ist jedoch nur ein Aspekt, den das Theaterstück auslotet. Aktuelle politische Diskurse um Themen wie die europäische Flüchtlingspolitik, den global erstarkenden neo-Nationalismus sowie die bizarre Attraktivität des IS für einige sich radikalisierende junge Europäer werden ebenso (re-)produziert. Die Argumente und ihre oftmalige Absurdität werden dabei eher selten unter den Figuren auf der Bühne kontrovers diskutiert als vielmehr geschickt emotionalisierend an das Publikum herangetragen. So versetzen sich die SchauspielerInnen in ihrem Rollenspiel beispielsweise in die Lage Europas und sprechen von sich in der ersten Person Singular als Staatenverbund, wodurch sie das Gebilde als narratives Konstrukt entlarven, das seine Identität im Wesentlichen durch Ausschluss dessen, was als das Andere, Nicht-Europäische gilt, erhält. In anderen Fällen imitieren Schauspieler den Duktus sozial benachteiligter Jugendlicher in den Banlieus von Paris, wo ihnen nichts anderes übrig bleibt als sich dem „trash TV“ auszusetzen, mit dem die gesellschaftlichen Eliten – so die Meinung des Ich-Erzählers – die sozial Schwachen füttern und damit verhindern, dass diese gegen die dominanten Machtstrukturen auf die Barrikaden gehen.

Obwohl das Set-up der Gesprächsrunden in „Città del Vaticano“ an klassische TV-Talkshows angelehnt ist, gibt es doch einen wesentlichen Unterschied zwischen den Formaten. Während bei Illner, Maischberger und Co. Personen mit radikalen Ansichten aus Angst, diesen Leuten eine Plattform zu bieten und somit eine Basis für eine Identifikation des Fernsehzuschauers mit deren Positionen zu schaffen, (m.E. zurecht) nicht in die entsprechenden TV-Sendungen eingeladen werden, bekommen die Radikalen (z.B. Brandstifter von Flüchtlingsheimen, gewaltbereite Rassisten und Homophobe) in der Gaußstraße, wenn auch nur temporär und als schauspielerische Leistung und somit gekünstelte Position, von der sich die SchauspielerInnen im realen Leben distanzieren würden, markiert, ein Gesicht. Dem Vorwurf, die heutigen Eliten würden der vernachlässigten Arbeiterschaft in der Gesellschaft keine Stimme geben – mit anderen Worten nur Trump höre ihnen zu und werde Ihnen Jesus gleich ihr Heil bringen – wird damit gekonnt gekontert. In der Gaußstraße wird ihnen zugehört. Und abschließend durch jeden einzelnen Zuschauer ein Fazit gezogen.

Obwohl „Città del Vaticano“ von Moralpredigten absieht (ansonsten wäre die den Abend leitmotivisch durchziehende Kritik an der ewig gestrigen Institution der Kirche wohl nicht mehr „glaub-würdig“), bezieht das Stück doch eine klare Position zu Tendenzen, die europäische Verstrickung und Mitschuld am Zustand der Welt zu leugnen bzw. sich ohnmächtig und angsterfüllt dem Wunsch nach Komplexitätsreduktion zu ergeben. So thematisiert „Città del Vaticano“ explizit Europas Kolonialgeschichte und fortdauernde wirtschaftliche Ausbeutung von Entwicklungsländern und reflektiert über Ursachen und Folgen des Wunsches nach einer simplen, „ein-fachen“ Welt, der jegliche Mehrdimensionalität (d.h. transnationale Wechselwirkungen im Bereich von Kultur, Politik und Wirtschaft) abhanden geht. Der dramaturgische Kunstgriff, die Mehrspektivierung der Wirklichkeit durch die Mehrfachbesetzung der Schauspieler mit unterschiedlichen, teils ideologisch diametral entgegengesetzten Rollen zu besetzen, ist da genau die richtige Antwort.

Ein besonders starker, weil dem Publikum den Spiegel vorhaltender Moment ist der Augenblick, in dem eine Figur nach längerer Rezitation von gesellschaftlichen Missständen durch ihn und die anderen Figuren zunächst in Schweigen verfällt und dann das betretene Schweigen bricht, indem er den allseits bekannten Refrain aus Nicoles Lied „Ein bißchen Frieden, ein bißchen Sonne“, mit dem sie 1982 den Eurovision Song Contest gewann, anstimmt. Ist es nicht genau das? Den Problemen, sei es im privaten oder größeren politischen Kontext, durch Verdrängung und sehnsuchtsvolle Hoffnungsbekundung nach einer friedlicheren Welt zu begegnen? Bereits 1982 hatten Friedensaktivisten moniert, dass Nicoles Song mit seiner bescheidenen Forderung nach lediglich „ein bißchen“ Frieden anstelle eines denkbaren „totalen“ Friedens nicht weit genug ginge. Das Recyclen des Lieds in „Città del Vaticano“ lässt anklingen, dass sich die Welt auch nach dem Falklandkrieg und den Nachrüstungsdebatten der 1980er Jahre, die den Entstehungskontext zu Nicoles Song bieten, zu keiner langfristig friedfertigen gewandelt hat und auch die bescheidenen Hoffnungen und einfältigen Textzeilen von Seiten der (Pop-)Kultur offenbar noch immer die gleichen sind. (Es gibt allerdings Ausnahmen: Madonnas bei einer Gegendemo nach Trumps Amtseinführung gehaltene Rede mitsamt des Ausspruchs „blow up the White House“, den sie angesichts zunehmender Kritik im Anschluss in seiner Sprengkraft relativieren musste, ist da schon deutlich radikaler; der anlässlich Trumps xenophobem Wahlkampf in den USA popularisierte Slogan „love trumps hate“ hingegen ist mit seiner simplen binären Struktur und der Stilisierung von (Nächsten-)Liebe als Heilmittel gegen demagogische Hasspredigten nicht viel mehr als ein Eingeständnis der (auch rhetorischen) Machtlosigkeit der Trump-Gegner.) In dem Moment, wo Nicoles Song angestimmt wird, machen wir uns als Theaterpublikum der (Sehnsucht nach) Verdrängung mitschuldig. Erfreut und amüsiert nehmen wir Nicoles Song wahr, befreit er uns doch von dem bedrückenden und beängstigenden Moment der Stille, der als Reaktion auf die Darstellung der unsere heutige Wirklichkeit plagenden Probleme entstand. Der Song beendet zugleich jegliche Reflexion über das zuvor Gehörte und überführt die Gedanken in postmoderne, intertextuelle Ironie. Ach (lach!), sieh an, Nicoles alter Schinken ist doch (nicht mehr) zu was gut, dürften so einige im Publikum angesichts der „Konfrontation“ mit dem Vertrauten gedacht haben. Ablenkung, Zerstreuung, die Flucht ins Vertraute. „Ein bißchen Frieden“ als Opiumersatz fürs Volk?

Das Stück endet mit einem (narratologisch) unkonventionellen, überzeugten und überzeugenden Plädoyer für Vielfalt und Freiheit (v.a. sexuelle und religiöse) jeglicher Art. Gerade zum Ende hin hätte „Città del Vaticano“ allerdings von einem Straffen des Stoffes profitiert. Dies betrifft im Übrigen auch die sogenannten „Tanzdiskurse“. Diese gewähren dem Publikum zwar dankenswerterweise einige Verschnaufpausen zwischen den wortgewaltigen, stets in hohem Tempo vorgetragenen Textbausteinen. Ob die „Tanzdiskurse“ – von einzelnen szenischen Einlagen, die einfallsreich (aber häufig dann doch etwas lang geraten) sind – das Gehörte visuell auf den Punkt bringen bzw., was vielleicht vielmehr die Erwartungshaltung ist, wenn man den Begriff des „Tanzdiskurses“ im Medium des Theaters antrifft – inhaltlich ergänzen und somit bereichern, bleibt fraglich.
Dennoch: insgesamt ein sehenswertes Stück.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/citta-del-vaticano/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Februar 2017 von in Allgemein, Lessingtage und getaggt mit , , , , , , .
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