Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

10 Gebote

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„10 Gebote“ von Jette Steckel. Foto: Arno Declair.

10 Gebote
Eine zeitgenössische Recherche von 15 Autor_Innen, 9 Schauspieler_Innen und 1 Schaf
Regie Jette Steckel
Gastspiel Deutsches Theater Berlin

von Eugenia Portioli

Gibt es etwas, das wir Gott verdanken sollen? Was bleibt von ihm heute? Sind seine 10 Gebote noch Fundament, worauf unsere Gesellschaft basiert? Kann es noch Regeln geben, die die Menschheit wieder moralisch aufrichten können? Wie redet man heute über Gott?
Die Regisseurin Jette Steckel präsentiert in Rahmen dieser Edition der Lessingtage ein Diskussion-Projekt über die 10 christlichen Gebote und schlägt eine durchaus originelle und unerwartete Annäherung zur Religion vor, die keine endgültigen Antworten darzustellen sucht, sondern zum weiteren Zweifel einlädt.
Das Bühnenbild erinnert an einen Tempel, der sich drehend unter den Säulen Räume schafft, die Platz für diverse Szenen anbieten. Die Wände wie Säulen werden von den Schauspielern mit Parolen bemalt: Die 10 (+ 1) Gebote werden ein nach dem anderen auf die Bühne durch die Worte von berühmten Autoren gebracht.
Die Welt dreht sich und verliert sein illusorisches Zentrum. Anstatt des SOLLENS kommt vielmehr das WOLLEN zur Sprache. „Ich bin der Herr, dein Gott. Du sollst keine anderen Götter haben neben mir“ – doch „jetzt lass mich mal endlich was wollen!“, kommt entgegen zu hören. Die Schauspieler verleihen Sprache zu den Texten unter anderen von Clemens Meyer, Sherko Fatah, Felicia Zeller, Navid Kermani, Dea Loher, Mark Terkessidis und Nino Haratischwili.
Videomontagen unterbrechen die Reihenfolge der verschiedenen Szenen und tragen dazu bei, die verwirrende Energie, die im Theatersaal stundenlang bereits herrscht, noch erheblicher zu stärken. Das große Begehren trifft auf das Tierischste und Gewaltigste an der menschlichen Essenz und enthüllt die grundlegende Schwäche, welche die Menschheit gekennzeichnet.
Das 5. Gebot „Du sollst nicht töten“ wird durch Videobeiträge in verfremdendster Art vorgeführt: Im Gespräch mit drei Männern, die auf fetischistische Obsessionen und Dränge nach dem Töten stehen, ist es auf einmal die Rede von der unerträglichen Fehlbarkeit der Menschheit.
„Es ist alles nur ein riesiger Fehler“ – Gott, der Kreator selbst, tritt als (und mit) Schaf auf die Bühne. Er singt für das Publikum und bittet um Verzeihung: „Es tut mir leid, wie konnte ich mich derart vertun?“ Die Menschheit war ein Fehler, ein Missverständnis: Es hätte anders gehen sollen. Am Ende wird es ja gelacht. Und jedoch verspüre ich einen Hauch von Trübsinn und Bitterkeit in den Augen von vielen, die neben mir sitzen und am Ende den gelungenen Theater Abend applaudieren.
Indem man Jette Steckel ihr 11-Gebote-Projekt theatralisch präsentiert, führt sie uns auch vor Augen die zum Scheitern bestimmte Geschichte der Menschheit vor. Wir lachen, weil wir nicht weinen wollen. Langer Applaus für das ungeschickte Schaf.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/10-gebote/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Februar 2017 von in Allgemein, Lessingtage und getaggt mit , , , .
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