Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Bibel für Ungläubige I (Genesis)

170127thesenbruns-48

Foto: Peter Bruns

Von Guus Kuijer
Mit Günter Schaupp und Marina Wandruszka

Von Fabian Starting

Gott ist eine Frau – zumindest ist das so in „Die Bibel für Ungläubige (Genesis) – Adams Geschichte“, dem ersten Teil der szenischen Lesung des gleichnamigen Buches von Guus Kuijer. In verteilten Rollen lesen Günter Schaupp und Marina Wandruszka die ersten vier Kapitel der Genesis.
Um dieser Vorstellung beizuwohnen musste ich vorher die vielen Stufen zum Nachtasyl im vierten Stock hochsteigen. In der Intimität des Lokals bekam das Stück eine gewisse Unmittelbarkeit. Gespielt wurde nicht auf einer Bühne sondern im Erker des halbrunden Fensters, wo mit Lederpolstern ausgelegt, bei Barbetrieb, Gäste zum Sitzen Platz finden. Für mich hatte das Ganze eine gelöste Cocktailparty-Atmosphäre, die dadurch noch unterstrichen wurde, als die beiden Schauspieler Günter Schaupp und Marina Wandruszka sich locker auf die Lederpolster fläzten und zu lesen begannen. Die Möglichkeiten der Bar ein Theater zu sein, wurden für „Die Bibel für Ungläubige“ vielfältig genutzt: Für die Entstehung der Welt – anderorts auch Urknall genannt – wurde die Discokugel angestrahlt, die kreisend das Licht an die Wände warf. Für mich eine passende Symbolik für die Lesung, in der auch die Fläche des Raumes von den Schauspielern Verwendung fand und die ein oder andere Textstelle akustisch und auch gestisch hervorgehoben wurde. Für etwas mehr als eine Stunde lauschte ich den höchst subjektiven Sichtweisen der drei Protagonisten „Gott“, „Adam“ und „Eva“  auf die Entstehung der Welt, den Sündenfall und den Brudermord des Kain an Abel.
Guus Kuijer nimmt in der „Bibel für Ungläubige“ die Erzählungen der Genesis ernst und zeigt die Widersprüchlichkeiten der Schöpfungsgeschichte, wenn diese als sprichwörtlich wahr verstanden wird. Es geht dabei aber auch um die Macht des Wortes, welches ja nach christlicher Vorstellung der Ursprung allen Seins darstellt. Streng nach der Maxime „Die Grenzen meiner Sprache bedeuten die Grenzen meiner Welt“ des Linguisten und Philosophen Wittgenstein, entdeckt Kuijers Gott die durch sein Wort geschaffene Welt. Auch ist der Gott in Guus Kuijer „Bibel für Ungläubige“ ein äußerst menschlicher, ein fragender Gott. Das Pärchen Adam und Eva werden als moderne Menschen verstanden, als mit Gott hadernde und auch gottverlassene Personen.
Man könnte das Ganze als großen Frevel abtun, wenn nicht in der Lesart die Wortwörtlichkeit bejaht würde. Außerdem wird das Stück von den starken Stimmen der Schauspieler Marina Wandruszka und Günter Schaupp getragen – allen voran Marina Wandruszka, der die Rollen der Eva und Gott zukam. Da ist dann auch jedes Sakrileg vergeben.
Ein überaus gelungener Abend für meine erste Vorstellung im Nachtasyl.
Entsprechend bin ich auf den zweiten Teil von „Die Bibel für Ungläubige“ gespannt.
Am Freitag 3. Februar wird dieser im Nachtasyl gezeigt und dann wird sich zeigen, ob sich das so stimmungsvoll wiederholen lässt.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-bibel-fuer-unglaeubige-i-ii/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Januar 2017 von in Lessingtage.
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