Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Mutter Courage und ihre Kinder

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„Mutter Courage und ihre Kinder“ von Bertolt Brecht. Regie: Philipp Becker. Foto: Krafft Angerer

von Bertolt Brecht
Musik von Paul Dessau
Regie Philipp Becker

von Fabian Starting

„Will vom Krieg leben – wird ihm wohl müssen auch etwas geben!“
„Rmtz, Rmtz, Rmtz!“ – zum Klang der Snare hebt sich der Vorhang. Ich sitze im Saal des Thalia Theaters und im militärischen Takt wird der Blick auf die dunkle Bühne frei. Nur in einem Lichtkegel  in der Mitte steht eine Frau, die von Statur und Aussehen Mütterlichkeit ausstrahlt. Es ist die Mutter Courage und sie begrüßt singend ihr Publikum. Ihr Lied wird uns noch die ganze Vorstellung begleiten und als Motiv immer mal wieder auftauchen.
Außerdem bekomme ich den ersten Eindruck vom Bühnenbild. Bei Brecht und seinem „epischen Theater“ ist das mit dem Bühnenbild ja immer so eine Sache und auch bei Philipp Beckers Inszenierung wird sich mit der Ausstattung zurückgehalten. Der berühmte Planwagen der Marketenderin wird nicht auf die Bühne geholt.
Direkt fällt auf, dass sich das ganze Geschehen auf einer schiefen Ebene abspielt, die sich dem Saal zuneigt. Diese Ebene wird kreisförmig umfasst und wirkt im Aufbau wie eine Manege. Dort sollen sich die tragischen und teils komischen Szenen entfalten. Auf einer Erhöhung der Manege thront das Orchester. Die ganze Bühne wirkt wie ein dunkles Gewölbe oder eine Blockhütte, alles ist mit Holz in dunkler Maserung vertäfelt. Es vermittelt mir den Eindruck einer klaustrophobischen Enge. Diese steht im starken Kontrast zum Schauplatz: Dem weiten, vom Krieg versehrten, Europa.
Die Beklemmung wird auch nicht durch die Musik aufgefangen. Diese orientiert sich an der Ästhetik der Militärmusik, doch sie verliert das Tragende, das Heroische von Märschen und der Marschmusik. Allein dem Klang nach spendet der Chor mit seinem Gesang etwas Trost. Er versetzt mich zurück in die Kindheit, als ich für die Erstkommunion regelmäßig die Messe besuchte. Es hat etwas wärmendes und vertrautes und doch gleichzeitig mahnendes in diesem Glaubenskrieg.
In einer ungewohnten Distanz beobachte ich das Geschehen auf der Bühne, das von Opportunisten, Kriegsprofiteuren, Getriebenen und anderen traurigen Gestalten erzählt. Besonders der Figur des Feldpredigers kommt eine zentrale Rolle zu, pointiert gespielt von Matthias Leja. Er verkörpert auch den Feldwebel des Stücks – zwei Rollen, die über Krieg und das Wesen der Menschen, die ihn betreiben, reflektieren. Generell ist „Mutter Courage und ihre Kinder“ hervorragend besetzt.  Zum Beispiel die wunderbare Victoria Trauttmansdorff als Yvette Portier, Lisa Hagmeister als ausdrucksstarke stumme Katrin.
Sie alle führen durch die zwei Stunden, in denen wir beobachten wie die Marketenderin Mutter Courage versucht, in einer aus den Fugen geratenen Welt zu überleben und außerdem noch ein paar Geschäfte zu machen, indem sie sich anbiedert an die einzig herrschende Konstante, dem scheinbar ewig dauernden Krieg. Als Mutter soll sie dabei scheitern und ihre zwei Söhne sowie die einzige Tochter wird sie unwiederbringlich verlieren. Wieder einmal frisst der Krieg seine Kinder – in diesem Fall waren es halt die ihren.
Am Ende bleibt sie allein, genauso wie ich als Zuschauer und ich wage es nicht sie zu verdammen, aber dennoch bleibt so etwas wie Sympathie für ihre Situation aus.
Brecht schrieb sein Stück 1939 im Exil unter den Eindrücken der Machtergreifung der Nationalsozialisten und dem Nachwirken des 1. Weltkrieges. Als Mahnung gedacht, hätte man an einem 27. Januar die Lessingtage nicht besser eröffnen können.

Premiere am 27. Januar 2017 im Thalia Theater!

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/mutter-courage-und-ihre-kinder/

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. Januar 2017 von in Allgemein, Lessingtage, Premierenblog und getaggt mit , , , , , , .
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