Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Isabelle H. (geopfert wird immer)

Isabelle H. (geopfert wird immer) Thalia Theater

„Isabelle H. (geopfert wird immer)“ von Thomas Köck. Regie: Franziska Autzen. Foto: Krafft Angerer

von Thomas Köck
Regie Franziska Autzen

Von Julia Lange

Die Thalia Garage in der Gaußstraße – eine Location, der nicht zuletzt aufgrund ihrer räumlichen Begrenztheit häufig ein besonderes Flair innewohnt. So auch an diesem Abend und dies nicht zuletzt dank einer spannenden Regiearbeit, die die Auswirkungen aktueller weltpolitischer Konflikte am Werdegang zweier junger Menschen verhandelt. Das Theater als metaphorischer Mikrokosmos der Welt bietet für eine solche Befragung des globalen status quo im Prinzip eine Steilvorlage. Die sich am Text des jungen österreichischen Autors Thomas Köck orientierende Regiearbeit Franziska Autzens eignet sich jedoch besonders gut zur genaueren Veranschaulichung der Verflechtung globaler politischer, sozialer und ökonomischer Prozesse, da es diese im beengten Raum eines Transportcontainers ansiedelt.
Mit anderen Worten, einem Raum, der durch seine klaustrophobisch wirkende Begrenztheit die in ihm Schutz suchenden und gleichzeitig gefangenen zwei Figuren regelrecht in die Enge treibt und zur dadurch entstehenden teils gewollten, teils ungewollten Zuspitzung ihrer psychischen Gefühlslage und Extremzustände führt. Jean Paul Sartres bekannter Einakter „Huis Clos“ (deutsch: „Geschlossene Gesellschaft“), in der die männliche Figur namens Garcin proklamiert „{…} die Hölle, das sind die andern“, operiert mit ähnlichen Strukturmitteln.

„Isabelle H. (geopfert wird immer)“ beginnt mit einem vergleichsweise kargen Bühnenbild. Ein großer Container, zur Hälfte geöffnet, füllt den Bühnenraum. Sichtbar ist zunächst nur ein Teil der Aufschrift, nämlich die Worte „und“ sowie „Verkehr“, die aus dem Zusammenhang gerissen sind. Der für die semantische Bestimmung der Aussage notwendige andere Teil der Aufschrift fehlt zunächst angesichts der geöffneten Containerwand und wird erst zum Ende des Stückes gezeigt, wenn der vollständige Schriftzug auf dem Container, „Menschen- und Güterverkehr“ erkennbar wird. Das Spiel mit der anfänglichen Verhüllung und späteren Offenbarung von Teilen des Schriftzugs steht sinnbildlich für die Komplementarität und Wechselwirkung der erduldeten Schicksale und daraus resultierenden psychischen Traumata der zwei Charaktere im Stück. Beide Erzählungen der erlebten Kriegs- und Fluchterfahrungen ergeben erst in ihrer Zusammenführung Sinn. Ob durch die Zusammenführung zweier individueller Sichtweisen jedoch auch tatsächlich „Sinn“ im Sinne einer identitätsstiftenden Erzählung gestiftet wird, bleibt fraglich. Die Aufschrift „Menschen- und Güterverkehr“ deutet zumindest eine desillusionierende Antwort an. Menschen und Güter sind zu transportierenden Objekten degradiert, deren ontologische Bedeutung einzig in ihrer Verfrachtung aus macht- und wirtschaftspolitischen Gründen liegt.

Das Werk beginnt mit zwei vernehmbaren Stimmen, die sich offenbar hinter der Containerwand befinden. Der Effekt ist der einer Desorientierung und Verunsicherung des Zuschauers. Wir wissen nicht, mit wem wir es zu tun haben. Gleiches gilt innerhalb der fiktionalen Welt selbst, in der die Figuren sich fiktive Identitäten einverleiben, indem sie sich beispielsweise Isabelle Huppert nennen. Auch die sie suchenden staatlichen Ordnungsstrukturen wissen nicht, wer sich hinter den gefahndeten Täterprofilen in der Realität verbirgt. Als erstes zeigt sich den Zuschauern eine junge Frau, die über die Bedeutung von Grenzen in ihren mannigfaltigen Formen sinniert. Anschließend gesellt sich ein junger Mann hinzu, der sich verstört über ihre Aussagen zeigt. Reden wollen sie offenkundig, was ihnen jedoch überwiegend misslingt, da sich in die Leerstellen ihres Dialogs immer wieder die Vergangenheit hineindrängt.

Thematisch kreist die Inszenierung um traumatische Erinnerungen – sei es migrations- oder kriegsbedingt – wobei die Wechselwirkung zwischen beiden Phänomenen, mit anderen Worten die enge Verzahnung zwischen Krieg und Flucht im Mittleren Osten, konsequent herausgestellt wird. An PTBS leidend, drängen sich die traumatischen Erinnerungen immer wieder in die Jetztzeit der beiden Figuren hinein, obgleich sie es sich selbst nicht eingestehen wollen. Folglich ergibt sich eine theatrale Gegenwart, die nicht nur von Verdrängung und dem Versuch der Vergangenheitsbewältigung, sondern auch von Zukunftsfurcht geprägt ist.

Die junge Frau, die sich das Pseudonym Isabelle Huppert zulegt, stellt durch ihren Namenswechsel die Sehnsucht nach einem problemfreien Leben zur Schau und thematisiert zugleich die ungleiche Behandlung menschlichen Lebens vor dem Hintergrund des heutigen Starkults. Damit wird implizit auch der Status der Schauspielkunst und des Theater-Business kritisch hinterfragt: wirkt Theater per se aufklärerisch und emanzipatorisch oder trägt es vielleicht zur Zunahme und Verfestigung gesellschaftlicher Ungleichheit bei?

Intertextuelle Verweise und Tarnungen in Rollen folgen, wodurch die Universalität des Themas von (politisch bedingter) Gewalt und Ungerechtigkeit in den Fokus rückt. Kritik am westlichen Imperialismus ist ebenso Bestandteil des Abends wie die lautstarke Verhandlung banalerer Alltagsprobleme. Kurzum: Prozesse der Verharmlosung, des Schönredens und Verschweigens im (individuell) Privaten und (kollektiv) Politischen werden an zwei Individualschicksalen aufgezeigt.

Anstelle das Stück wie eine klassische Tragödie zu beenden, wird die Unangemessenheit eines Schlussstrichs unter die Geschichte thematisiert. Der Theaterabend endet mit einer Solo-Performance der Schauspielerin, die anstelle eines Abschlussmonologs von der Bühne die Grenze zum Zuschauerraum durchbricht, sich unters Publikum mischt und aussagt, dass doch einem jeden Ende eines künstlerischen Werks ein weiteres folgt, ohne die angeprangerten gesellschaftlichen Zustände in ihrer Grausamkeit abgemildert geschweige denn verändert zu haben.
Es folgt Stille. Innehalten. Reflexionszeit für das Publikum. Der politischen Machtlosigkeit des Theaters in der heutigen Zeit wird somit der Spiegel vorgehalten. Zugleich ist es vielleicht die klare Vorführung und das bewusste Reflektieren über die Grenzen des (politischen) Theaters und die Unveränderlich(bar)keit der heutigen Kriege mit ihren katastrophalen Auswirkungen, die der politischen Folgenlosigkeit unserer Reflexionen entgegenwirken und uns zur Suche nach konkreten Lösungsansätzen animieren (können).

Und so tröstlich dieser Gedanke auch ist: der hoffnungsorientierte Appell an die Kraft des Verstandes des Theaterbesuchers vermag letzten Endes nicht, den starken, auch emotionalen Eindruck der auf der Bühne vorgebrachten Kritik an unserem politischen Zeitalter zu übertönen. Der Isabelle H. verkörpernden Darstellerin ist die Flucht aus der Opfer-Rolle in die (vermeintliche) Sicherheit bietende Zuschauerrolle zum Ende des Theaterabends zwar geglückt. Der Logik des Titels folgend wird die entstandene Lücke jedoch rasch gefüllt werden. Der im Nachkriegseuropa geborenen existenzialistischen Erkenntnis „die Hölle, das sind die andern“ ist einer neuen europäischen Devise gewichen: „die Opfer, das sind die andern.“ So lebt es sich schließlich bequemer.

Premiere am 13. Januar 2017 im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/isabelle-h.-(geopfert-wird-immer)/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: