Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Richard III.

Richard III., Thalia Theater

Richard III. von Wiliam Shakespeare. Regie: Antú Romero Nunes. Foto: Krafft Angerer

Richard III.
von William Shakespeare
Deutsch von Thomas Brasch
Regie Antú Romero Nunes

von Danja Duta

BUMM – ein dumpfer Schlag erschreckt den Saal. Ich zucke zusammen. Bumm, bumm, bumm. Das Licht geht an und nun sehe ich die große Trommel, die aufgestellt in der Mitte der Bühne steht und rhythmisch von einer gekrümmten Gestalt geschlagen wird, die dem Publikum den Rücken zukehrt.

Die Schläge klingen verheißungsvoll, der Abend beginnt. Einige andere Gestalten schreiten langsam heran und verteilen sich um die Trommel. Ihre Kostüme ähneln dem Kleidungsstil Englands im 15. Jahrhundert. Aber ihre Köpfe irritieren mich. Sie scheinen so etwas wie einen weißen Verband um den Kopf gewickelt zu haben. Nur ihre Gesichter sind ausgespart. Eine uniform wirkende Masse steht regungslos da und richtet ihren starren Blick auf den trommelnden Krüppel, der ohne Hemmungen auf den riesigen Resonanzkörper einschlägt. Die Schläge werden schneller, sie werden immer lauter, bis sich die trommelnde Gestalt plötzlich umdreht und mit verzerrtem Gesicht und Wahnsinn in den Augen Richtung Publikum humpelt. Richard, Herzog von Gloster, gibt uns die Ehre. Wie ein Irrer springt er herum und lacht ausgelassen, geradezu unkontrolliert ins Publikum bis ihm lange Spuckefäden aus dem Mund laufen.

Erst jetzt bemerke ich, dass auch er einen Verband um den Kopf trägt. Doch im nächsten Augenblick wird er sich den weißen Stoff vom Kopf reißen, als wäre es ein Tumor der ihn befallen hat und sein Leben bedroht. Eine Metapher für Gewissen und Moral, die er damit von sich reißt? Ein Symbol für sein Anderssein, weil er in einem so hässlichen und verkrüppelten Körper zur Welt kam?

Im Laufe des Abends wird Richard III. kaltblütig jeden ermorden, der ihm bei seinem Plan, König von England zu werden im Wege steht. Und wie jeder, der den Klassiker von Shakespeare kennt, weiß, wird Richard sein Ziel erreichen, um wenig später von Richmond zur Strecke gebracht zu werden. Ganz in Shakespeare-Manier fehlt es in diesem Stück an nichts, was eine gute Tragödie oder jede Telenovela ausmacht: Machtgeilheit, familiäre Intrigen, (Mutter-)Liebe, skrupellose Rachetaten, Korruption und ein bisschen Sex. Leider ist eine solche inflationäre Ballung menschlicher Abgründe für meinen Geschmack meist eine Spur zu dramatisch. Was Antú Romero Nunes und seine grandiose Besetzung mit Abstraktion, Selbstironie und den endlos langen, tiefschwarzen Seidenvorhängen daraus gezaubert haben, lässt sich dennoch als weiterer äußerst unterhaltsamer Abend im Thalia Theater verzeichnen. Nicht mehr und nicht weniger.

Premiere am 29. Oktober 2016 im Thalia Theater

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/richard-iii./

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 31. Oktober 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , .
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