Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Wut/ Rage

Wut / Rage,  Thalia Theater

„Wut/Rage“ von Elfriede Jelinek und Simon Stephens. Regie: Sebastian Nübling. Foto: Krafft Angerer

Wut/Rage
von Elfriede Jelinek/ Simon Stephens
Regie Sebastian Nübling

von Julia Lange

Das Wortspiel auf der Titelseite des Programmhefts gibt einen Vorgeschmack auf den Inhalt des Stückes: Was, wenn zwei Werke collagiert werden? Ergibt 1+1=2 oder wird es doch komplexer?

Das Design des Programmheftumschlags, das zahlreiche Interpretationsmöglichkeiten eröffnet, deutet auf Letzteres hin. So könnte man die Wut als „R“ also wie in der altersgerechten Klassifizierung eines Hollywood-Films als „rated“ lesen, aber zugleich auch „Rage“ in die Bestandteile „R“ + „age“ zerlegen, was wiederum andere Assoziationsräume eröffnet.

Den Reflexions- und Sinndeutungsspielraum über aktuelles Wutbürgertum und seine Ursachen und Folgen zu beleuchten. So oder so ähnlich muss wohl die dramaturgische Devise für Sebastian Nüblings Regiearbeit zu „Wut/Rage“ geheißen haben. Dafür wurden zwei Texte von zwei unterschiedlichen AutorInnen Elfriede Jelineks „Wut“ und Simon Stephens „Rage“, zusammengeführt, um – laut den sich im Programmheft befindenden Erläuterungen – über die Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen der sich im Brexit-Votum äußernden Wut und dem neuen kontinentaleuropäischen Wutbürgertum Gedanken zu machen. Was als Idee überzeugt und interessant klingt, vermag man jedoch – in dieser Form und als Ideenansatz – nicht auf der Bühne zu erkennen.  Es gibt zwar mehrere Passagen, die von Tiefsinn zeugen und zum näheren Hinhören und Nachdenken animieren. Leider gibt es jedoch auch (m.E. zu viele!) Slapstick-artige Episoden, in der auf der Bühne gekotzt und gepisst wird, was das Zeug hält. Zur Klarstellung: ich habe keine Probleme damit, wenn das Wasserlassen aus diversen menschlichen Öffnungen dramaturgisch legitimiert ist.  Hier jedoch konnte ich keine sinngebende Funktion für diese die unterschiedlichen menschlichen Körperfunktionen durchdeklinierenden inszenierten Aktionen erkennen.

Auch visuell hätte mehr passieren können. Wenn  Stephens „Rage“ auf Bilderserien des Fotografen Joel Goodman basiert, warum kamen diese Fotos nicht (mehr) zum Einsatz? Letztlich ist es schade, dass aus der durchaus interessanten ursprünglichen Idee des Collagierens zweier Texte aus dem britischen und kontinentaleuropäischen Raum nicht mehr entstanden ist als eine Lesung von Passagen aus Jelineks Werk mit ihren (zuweilen) raffinierten Wortspielen („Aufgeschlossen sitzen wir im eigenen Haus, das doch immer so aufgeschlossen war, ratlos.“) und einer visuell überbordenden Kotz- und Pissorgie.

Inwieweit uns diese Inszenierung – sowohl theaterästhetisch als auch im Hinblick auf die Belebung bzw. Erneuerung des gesellschaftlichen Diskurses – weiterbringt, bleibt fraglich. Eines aber haben wir an diesem Abend sicher gelernt: dass das fortwährende Beschauen des Wortes „Happy“ –während der zweistündigen Aufführung als Wortinstallation prominent in Szene gesetzt – nicht automatisch zu Zuständen von happiness führt, ist gewiss.

Premiere am 16. September 2016 im Thalia Theater

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/wut–rage/

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , .
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