Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Geld

Geld. Trilogie meiner Familie 2nach Émile Zola

Premiere im Thalia Theater am 1. Oktober 2016

„Geld-Trilogie meiner Familie 2“ nach Émile Zola. Regie: Luc Perceval. Foto: Armin Smailovic

Geld
nach Émile Zola
Trilogie meiner Familie II
Fassung & Regie Luk Perceval

von Julia Lange

Beim Betreten des Zuschauerraums ist der Vorhang bereits oben und die Sicht auf die Bühne frei. Ein  Schwingseil bzw. Strick – Lesart und Funktion sind dem Betrachter überlassen – bietet einen Hinweis, wo die Reise am heutigen Abend hinführt: Wer klettern kann, kommt auf der sozialen Leiter nach oben. Für die anderen führt die Reise schnurstracks ins Verderben. In jedem Fall hängt die (soziale) Existenz eines jeden, wenn auch nicht am sprichwörtlichen seidenen Faden, so doch zumindest am nur wenig Stabilität verleihenden Seil. Egal ob man an ihm bloß klettet oder klettert – es ist ein kräftezehrender Akt.

An diesem Seil hängen denn auch während des Abends diverse Schauspieler und schwingen – einem Pendulum ähnlich – von links nach rechts oder arbeiten sich hoch und fallen. Das Bühnenbild ist dunkel und karg, mitsamt einer eingebauten Schräge, auf der die Figuren parallel zum Zuschauerraum wahlweise empor- bzw. hinabmarschieren.  Mit dem Aufbau des Bühnenbilds ist zugleich das zentrale Thema und die wesentliche Dynamik des Stückes bildlich verdichtet auf den Punkt gebracht: es geht um sozialen Auf-bzw. Abstieg und dieser hängt untrennbar vom ökonomischen bzw. sozialen Kapital ab. Mit anderen Worten: von Geld, gesellschaftlichem Status und der Wechselwirkung zwischen diesen beiden Faktoren.

Luk Percevals „Geld“ basiert auf einer Zusammenführung mehrerer Romane Emile Zolas. Die Erzählvorlage ist somit im Frankreich des 19. Jahrhunderts angesiedelt, könnte sich aber – mit seiner Kapitalismuskritik und dem unermüdlichen Streben nach Reichtum seiner Figuren – ebenso gut im Europa des 21. Jahrhunderts abspielen. Auf dieser Analogie baut Perceval sein Regiekonzept auf. Zolas naturalistische Texte, mit ihrer Kritik an den herrschenden Strukturen, der menschlichen Macht- und Habgier sowie dem europäischen Kolonialstreben, bieten sich offenkundig als Folie an, um das heutige politische Geschehen in Europa, mitsamt der komplexen historischen Verstrickungen des europäischen Kontinents mit anderen Ländern und Regionen, kritisch zu hinterfragen. Aleppo, Homs und andere Regionen im Nahen Osten waren bereits im 19. Jahrhundert profitable Gebiete zur europäischen Bereicherung / Ausbeutung – heute stehen sie erneut im Fokus der europäischen Aufmerksamkeit. Sowohl als Kriegsschauplätze / -zonen und Orte, von denen aus die „Flüchtlingswellen“ nach Europa „überschwappen“ als auch weiterhin als rohstoffreiche Regionen.

Kolonialismuskritik ist jedoch nur ein (Rand-)Aspekt, der im Stück verhandelt wird. Zentral gesetzt ist vielmehr das Schicksal zweier Frauenfiguren, der Schauspielerin Nana und der Kaufhausverkäuferin Denise. So unterschiedlich beide Figuren auch agieren – die eine als Mätresse kühl kalkulierend und triebgeleitet, die andere (sexuell) abstinent und tugendhaft – so ähnlich fällt letzten Endes ihr Schicksal aus. Es endet für beide Figuren im Verderben. Zolas naturalistisches Weltbild, das sich bekanntermaßen vom realistischen durch die soziale Determiniertheit seiner Figuren auszeichnet – kommt hier klar und deutlich zur Geltung. Unabhängig davon wie die Figuren sich ihrem Umfeld gegenüber verhalten, ihr Lebensweg wird durch (gesellschaftliche) Strukturen bestimmt, auf die sie keinen Einfluss haben. Handlungsmacht im weiteren Sinn wird den Frauenfiguren während des Stückes einerseits zugestanden – auch wenn sie dabei oftmals zu fetischisierten Körpern und somit zu purem Warenwert, vergleichbar den Gütern und dramatischen Rollen, die sie im Kaufhaus bzw. im Theater verkaufen, durch die männlich dominierte Umwelt degradiert werden. Andererseits produziert diese Handlungsmacht letzten Endes keinen Ertrag und erweist sich nur als vorübergehend und folglich als folgenlos und illusorisch.

Aber auch die männlichen Figuren gehen an ihrem Streben nach Macht und Reichtum zugrunde. In diesem kapitalistischen System, so frei nach Zola, geht am Ende keiner als bleibender Gewinner hervor. Das Karussell des Lebens dreht sich munter weiter. Lediglich das Innehalten und Offenlegen sowie Hinterfragen der sozialen Kräfte und (Markt-)Mechanismen, wie es Zola und nun auch Luk Perceval in seiner Adaption der Zola‘schen Texte für seine Regiearbeit tut, vermögen – so scheint es – einen Kontrapunkt zum ewigen Kreislauf der Macht und Geldgier zu setzen. Zumindest wird dies durch den letzten, am Ende des Stückes mehrfach auf der Bühne wiederholten und als leises Echo verhallenden Satz suggeriert: „Ich muss es wissen.“ Wie die Familiensaga schlussendlich ausgeht, das erfahren wir erst in der Spielzeit 2017/18, wenn Luk Percevals Zola’scher „Ring“ mit dem dritten Teil, „Hunger“, seinen Abschluss findet. Wie bereits an diesem Abend bleibt es also spannend – und dies bis zuletzt.

Uraufführung am 7. September 2016 bei der Ruhrtriennale
Premiere
im Thalia Theater am 1. Oktober 2016

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/geld/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , , .
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