Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Erschlagt die Armen!

Erschlagt die Armen! Thalia Theater

„Erschlagt die Armen!“ von Shumona Sinha. Regie: Anne Lenk. Foto: Krafft Angerer

Erschlagt die Armen!
nach dem Roman von Shumona Sinha
Regie Anne Lenk

von Julia Lange

Der Theaterabend beginnt, musikalisch gesprochen, mit einer Ouvertüre. Während wir vermeintlich noch im Foyer auf den eigentlichen Einlass in den Saal warten, beginnt auf zwei einander gegenüber positionierten Großbildleinwänden eine Videoperformance, in der Asylsuchende bei ihren Anhörungen im Dialog mit Dolmetschern in Asylbehörden gezeigt werden. Schnell wird deutlich, dass der Übersetzungsvorgang vielmehr einen Interpretationsprozess darstellt als einen einfachen Transfer einer wie auch immer gearteten inhaltlichen und begrifflichen Essenz aus der einen Sprache in die andere. So wird beispielsweise das Konzept von Arbeit von einem in den Videoausschnitten gezeigten Asylsuchenden offensichtlich anders ausgelegt als dies traditionell im kontinentaleuropäischen Raum, für den der Übersetzer (ein-)steht, der Fall ist. So beteuert besagter Asylsuchende im Verlauf der gezeigten Interviewsequenz fortwährend, er habe nie gearbeitet, sondern lediglich im Laden seines Vaters von morgens bis abends Früchte verkauft. Arbeit ist für ihn offenbar ein Geschäftsverhältnis, das außerhalb familiärer Strukturen, geschlossen wird? Oder wie hat man die in der Szene ausgestellte Schwierigkeit, sich über die Bedeutung eines – im wahrsten Sinne des Wortes „Arbeits“-Begriffs  zu verständigen, zu verstehen?

In anderen Videoausschnitten wird deutlich, dass die interviewten Asylsuchenden ihre persönlichen Geschichten dem Anlass entsprechend abändern und aufhübschen. So etwa, wenn sie nach dem Erwerb eines Hochschulabschlusses gefragt werden, worauf sie mit allen möglichen Akronymen und Abkürzungen antworten, deren Bedeutung sie offenkundig selbst nicht kennen.

Die Videoausschnitte stimmen die Theaterbesucher somit noch vor Beginn der eigentlichen Aufführung auf das zentrale Thema des Stückes ein und entlassen das Publikum mit der ethischen Frage in den Saal: Was tun, wenn die übersetzerische Tätigkeit – also das „Setzen“ aus einer Lokalität „über“ eine Kluft bzw. (positiv gewendet) Brücke in eine andere Lokalität – den Unterschied zwischen Wahrheit und Fiktion, zwischen Aufrichtigkeit und Lüge, zwischen Faktischem und „Post-Faktischem“, wie es derzeit gerade so schön heißt, ans Licht bringt? Und wie verhält es sich mit dem damit verbundenen ethisch-moralischen Dilemma des Dolmetschers, den Asylsuchenden in ihrer deklarierten Existenznot helfen zu wollen ohne wissentlich vom „traduteur“ zum „traditeur“, also vom Übersetzer zum Verräter zu werden?

Der Umgang mit wahren und erfundenen Geschichten in einem zunehmend post-faktischen (ja, was genau heißt das denn eigentlich?) Zeitalter bleibt denn auch die zentrale Thematik des Stückes, nachdem der Vorhang aufgeht. (Streng genommen gibt es, wie heutzutage bei Theateraufführungen so oft, keinen Vorhang, sondern wir sehen bei Einlass eine reglose Person in einem steril wirkenden Raum mit (Warte-)Bänken im Neonlicht.) Zum Lügen vor den Asylbehörden quasi gezwungen, sind die Asylsuchenden ebenso wenig Herren über ihre geäußerten Narrative wie es die Dolmetscher sind, die zur Neutralität – und somit de facto Indifferenz – und auch abseits der Behördengebäude  zum Verschweigen der „türöffnenden“, „richtigen“ Antworten verpflichtet sind und somit zur Abweisung einer beträchtlichen Anzahl an Schutzsuchenden beitragen.

Die Willkür der Parolen, die über Verbleib oder Ab- bzw. Ausweisung  der Antragstellenden entscheiden, und in erheblichem Maße vom Fragemodus (und der Tageslaune) des behördlichen Sachbearbeiters abhängen, wird im Verlauf des Stückes deutlich vor Augen geführt. Ebenso thematisiert wird die emotionale Überforderung der ÜbersetzerInnen, die trotz – oder gerade aufgrund ? – ihrer (Übersetzungs-)Arbeit ohnmächtig dem Lauf der Behördenmaschinerie zuschauen (müssen), ohne konkret einschreiten zu können. Zumindest wird dies im Stück bis zum Moment der Selbstermächtigung einer Dolmetscherin, die sich in Form eines gewalttätigen Akts gegenüber einem (ihr sozial unterlegenen) Asylanten äußert, aber sicherlich zugleich eine Rebellion gegen den über ihr stehenden und sie in ihren Handlungsspielräumen einschränkenden staatlichen Apparat darstellt, suggeriert. Die angestaute Wut und Verzweiflung der Dolmetscherin angesichts der sie allseits umzingelnden Heuchelei entlädt sich schlussendlich in einer Aggression gegen die (sozial) Schwache. Mit anderen Worten: die Parole „erschlagt die Armen“ wird Realität. Vermutlich auch, weil sich das Ventil zum Ablass des Aggressionstaus hier leichter öffnen lässt als in einem Kampf gegen Windmühlen bzw. intransparente und übermächtige staatliche (Behörden-)Apparate.

Letztlich ist dieser Akt der erzählten (!) – wir als Zuschauer sehen die Szene nicht, sondern bekommen sie, wie so vieles in Anne Lenks Regiearbeit des heutigen Abends, nur durch jemanden erzählt – Gewaltanwendung wohl der Moment, der am stärksten von der autobiografisch inspirierten Romanvorlage der indisch-französischen Schriftstellerin Shuomina Sinha, „Erschlagt die Armen“, in der sie von ihrer Tätigkeit als Dolmetscherin im Amt für Flüchtlinge und Staatenlose in Paris berichtet, zehrt. In Lenks dramaturgischer Adaption von Sinhas Romanvorlage wird der bereits im Roman eingeführte intertextuelle Verweis auf Charles Baudelaires Prosagedicht „Schlagt die Armen“ ebenfalls eingeführt. Ein Schauspieler im Eisbärkostüm gibt uns eine kurze Inhaltsangabe von Baudelaires Prosagedicht und fragt sich nach der tieferen Bedeutung des Textes. Aufs Wesentliche zugespitzt lautet die sich der Eisbär angesichts Baudelaires Text stellende Frage wie folgt: Lässt sich das Selbstwertgefühl eines Menschen eher /nur (?) kraft Ermächtigung zur Selbsthilfe, das heißt zum eigenständigen Aufbäumen gegen Widrigkeiten und durch den (Gegen-)Angriff gegen seinen Widersacher wiederherstellen?

Für den Eisbär ergibt die von Baudelaire geschilderte Episode, wie er uns auf der Bühne gesteht, keinen Sinn und auch Sinha und Link zweifeln offenbar daran, dass in Baudelaires geschildeter Episode die Lösung für die Asyl- und Migrationsproblematik des 21. Jahrhunderts (verborgen) liegt. Zugleich wird durch das Heranziehen eines klassischen literarischen Textes zur Reflexion über die Armuts- und damit verwandte Migrations- und Asylthematik, auch aus historischer Perspektive, angeregt und implizit die Frage nach der Verwertbarkeit der „Schönen Künste“ für die Lösung politischer Gegenwartsprobleme gestellt. Indirekt wird somit die Frage heraufbeschworen, was das Theater als künstlerisches Medium zur Entwicklung aktueller Debatten und gesamtgesellschaftlich relevanter Diskurse beitragen kann. Nach Ende des Abends liegt die Antwort auf der Hand: durch das Generieren eben dieser (und weiterer) Fragen zu seiner (medienspezifischen) Wirkmacht.

Uraufführung am 15. September 2016 im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/erschlagt-die-armen!/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Oktober 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , .
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