Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Wut/Rage

Wut / Rage,  Thalia Theater

„Wut/Rage“ von Elfriede Jelinek und Simon Stephens. Regie: Sebastian Nübling. Foto: Krafft Angerer

Wut/Rage
von Elfriede Jelinek/
Simon Stephens
Regie Sebastian Nübling

von Tjorven Annabell Hamdorf

Polizistinnenmund tut Wahrheit kund. In diesem Fall handelt es sich um eine Frau von der Brandschutzwache (die geniale Karin Neuhäuser), die abgeklärt ihre Sicht auf die Welt vorträgt.
Die Götter sind ein Nichts, groß sind die Menschen, verkündet sie, während sie ein Leuchtschild hoch hievt. Man erkennt jetzt, die Buchstaben ergeben „HAPPY“. Elektrobeats erklingen, die Silvesterparty beginnt. Im Thalia Theater ist Saisonbeginn.
Einsame Gestalten tanzen wild, einige übergeben sich, andere pinkeln auf den Boden, „happy“ scheint hier wirklich gar nichts. Die Sohlen ihrer Turnschuhe leuchten in bunten Farben. Sie scheuen sich nicht, ihren rassistischen Gewaltfantasien auf der Party freien Lauf zu lassen.  „Aus deiner schönen braunen Haut will ich ein Sandwich machen! He, sag frohes Neues Jahr oder ich schneide dir deine braune Haut von deinem Schädel!“  ruft die Frau, die gerade noch zu „fuck the Moslems“ elektrisiert tanzte. Sie stürzt, das lag wohl am Alkohol. Torkelnde Gestalten auf der Tanzfläche. Die Polizei ist hier allgegenwärtig. Immer zumindest im Hintergrund, wenn sie nicht gerade mitfeiert oder sich in die zwischenmenschlichen Konflikte einmischt. Für Sicherheit und Ordnung sorgt sie jedenfalls nicht.
Hier will jeder seine Meinung verkünden, immerhin fehlt es nicht an Selbsterkenntnis: „Wir fühlen uns so erhoben, weil wir erhoben sind. Nennen wir uns ruhig so. Wir sind die Erhobennen!“ Zwischen einigen klugen Einschätzungen wird auch vielem Mist freien Lauf gelassen. Wut macht rasend, und in dieser Raserei ist einiges so verworren, dass es kaum zu verstehen ist.  Trotzdem spiegeln sie unsere Wirklichkeit ganz gut wieder. Auch im Publikum leuchten zwischendurch die Smartphones jener auf, denen es schwer fällt, sich zwei Stunden von der Außenwelt zu trennen und sich auf die kleine Welt, die uns auf der Bühne präsentiert wird, zu konzentrieren. Wie schade! Denn es war ein spannender Theaterabend, der zwar Konzentration forderte, aber Spaß gemacht hat und – wie oft im Thalia Theater – nachdenklich stimmt.

Premiere am 16. September 2016 im Thalia Theater

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/wut–rage/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 19. September 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , , , , , , .
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