Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Refugee Homecare: Flüchtige Heimatpflege: أديهو فرصة

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Refugee Homeware: Flüchtige Heimatpflege“ Text und Regie: VOLL:MILCH. Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Eugenia Portioli

Refugee Homecare : Flüchtige Heimatpflege : أديهو فرصة
Uni Hildesheim / Institut für Medien & Theater

„Die Zeit: Es ist 20:30 Uhr“ – informiert eine Voice-Over-Stimme. Nichts ist auf der Bühne zu sehen, bis auf ein auf drei Großleinwände projizierte Freischwimmbad-Video. Es haben sich dort einige Frauen und Männer eingesammelt, ganz nah am Beckenrand. Sie scheinen, ungeachtet der Kameras, in Gespräche vertieft zu sein. Ich warte. Nichts bewegt sich, alles bleibt ruhig. Das Bühnenbild ist schlicht, besteht nur aus drei seltsamen Stühlen. Ich warte auf etwas.

Beim Festival Körber Studio Junge Regie ist dieses Jahr auch das VOLL:MILCH Theaterkollektiv dabei, das sich aus Studierenden der Universität Hildesheim und der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig zusammensetzt. Ihr „Refugee Homecare: Flüchtige Heimatpflege: أديهو فرصة“ ist eine künstlerische Auseinandersetzung mit politischen Ansprüchen, die höchstaktuellste Themen wie Isolation, Ausländerfeindlichkeit und Asylpolitik in der deutschen Gesellschaft behandelt. Das Theaterstück setzt sich mit der Situation von Asylsuchenden, ihrem unendlichen Warten auf Anerkennung und auf die politische und revolutionäre Lücke auseinander.

Nun treten die Schauspieler des Kollektivs ausschließlich über einen auf drei Leinwände projizierten One-Shot-Film in Erscheinung. Die szenische Aktion wird aber faktisch dreien sudanesischen Flüchtlingen überlassen: Haitham Mansor, Hassan A Bakar Omar und Ahmed Haron. Die Sprache, die verwendet wird, ist Arabisch. Die englischen und deutschen Übersetzungen hallen ab und zu von den drei hinteren Leinwänden her im Publikumsraum wieder.

Sie erzählen Geschichten von Migrationsreisen – das kann ich allerdings nur in einem zweiten Moment verstehen, und nur dank der Übersetzungen. Es wird dadurch eine Art abgebrochene Duplizität in dieser Form von Inszenierung hergestellt, einer konfusen Mehrstimmigkeit aus zwei Welten, die aneinander prallen. Die physische und sprachliche Unzugänglichkeit spiegeln die Gebrochenheit des politischen Systems Deutschlands und „das revolutionäre Potential und symbolisches Kapital“ der Flüchtlingskrise wider.

Die drei Hauptdarsteller werfen ihre aufgeschriebenen Fluchtgeschichten in eine Mülltonne hinein. Die Mülltonne geht auf die Leinwände in die virtuelle „deutsche Welt“ hinüber und wird den Video-Darstellern übergegeben. Die Mülltonne wird auf das Gelände wegrollen gelassen, ins Wasser geworfen und letztendlich geöffnet. Die Geschichten werden auf deutsch vorgelesen und vorgespielt. Jeder Versuch einer Versöhnung scheint dennoch unrealisierbar. Aktivismus wird von seiner Ideologie beraubt und entleert. Es scheint keine endgültige Sprache zu geben, die eine Kommunikation zwischen den zwei Realitäten herstellen könnte.

Erzeugt wird die ultimative Unzulänglichkeit des Systems und seiner Sprachen. Das unsinnige Warten der Asylbewerber übersetzt sich in das Recht auf der Bühne eine eigene/fremde Sprache zu sprechen, zum einen Mal auf der Seite der Mehrheit zu stehen. Warten ist tödlich, die freie Zeit ist keine Freizeit.

Worauf wartest du? Ich warte auf nichts auf einem Stuhl und bin ruhelos.

Am 11. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/refugee-homecare-fluechtlinge-heimatpfl/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , , .
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