Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Grillenparz

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Grillenparz“ Regie: Kathrin Herm. Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Eugenia Portioli

Grillenparz
von Thomas Arzt
Universität Mozarteum Salzburg

Heimat – Kann man sich von ihr lösen?
Sein – Wie geht man mit den eigenen Begierden um?
Verdrängung – Wie kann die Sprache die Gewalt erzählen?

Diese und viele andere sind die Fragen, die heute Abend in den Zuschauerraum des Thalia in der Gaußstraße geworfen worden sind. Eingeladen zum diesjährigen Körber Stiftung Junge Regie Festival ist auch die Inszenierung „Grillenparz“ von Thomas Arzt in der Regie der Berlinerin Kathrin Herm. Erzählt wird der Vorbereitungsprozess einer Betriebsfeier, deren perverser Ablauf und tragisches Ende sich nur langsam im Laufe der Vorstellung vorausahnen lassen.

Flügelhörner, Akkordeons, Klarinetten und Posaunen eröffnen das Theaterstück und ich spüre sofort das österreichische Flair. Zwischen gestapelten Holzkloben tauchen Holzschnittartige Figuren auf, deren weiß geschminkte Gesichter und clowneske Kostüme an die Masken der Commedia dell’arte erinnern. Gesungen wird laut und maßlos zum jährlichen Grillenfest, einem Abend-Event zwischen Wiesen und Hügeln, wo die Brutalität und gewalttätigen Aktionen der Arbeitsroutine mit entwaffnender Nonchalance wiederholt werden.

Die Sprache des Alltäglichen verbirgt die psychische Verdrängung und die Gewalt, die die westliche Vision bzw. Vergötterung der Arbeitswelt mit einbezieht. Das Schweigen ist Zeichen für den inneren Aufstand, der nichts ausrichten kann gegen die Fassade der Gleichgültigkeit. Flora, die schweigsame Mitarbeiterin, die nur laut ausschreien muss, wenn sie sich allein weiß, wird anlässlich des Grillenparz-Fests als Mitarbeiterin des Jahres geehrt und kurz danach von dem Event-Manager vergewaltigt.

Das Groteskeste an der Geschichte ist aber – hebt die Regisseurin später während eines Publikumsgesprächs hervor – dass das Grillenparz nächstes Jahr wieder stattfinden wird und alle wieder daran teilnehmen werden. Was bringt sie alle wieder dahin? Was haben diese Figuren überhaupt dort zu suchen? Was zwingt sie alle wieder in diesen Teufelskreis?

Die Sprache kann nicht viel, wenn es um Gewalt geht. Und wenn diese von den stärksten inneren Antrieben der Menschenseele initiiert wird, kein Ort ist Heimat, keine Sprache ist ein Zuhause.

Sprachlos bewundere ich nun auch das talentierte Produktionsteam.
Vielleicht nur ein Wort fällt mir jetzt ein: Gänsehaut.

Am 11. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/grillenparz/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , , .
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