Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Unerhörte

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Die Unerhoerte“ Regie: Anna-Elisabeth Frick. Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Tjorven Annabell Hamdorf

Die Unerhörte
mit Texten von Aischylos, Christa Wolf und Ensemble
Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg, Ludwigsburg

Durchdringendes Klingeln eines Telefons, das auf einem Podest mitten auf der Bühne steht. Minute nach Minute vergeht, und die meisten im Raum  werden wohl inzwischen Stoßgebete sprechen, dass sich endlich einer erbarmen und diesem nerv-tötenden Lärm ein Ende bereiten möge. Als es dann endlich soweit ist und eine Frau den Hörer abhebt, weiß man noch nicht genau, worauf dieser Abend hinaus laufen wird.

Eine junge Frau, mit weißblonden wirren Haaren, nur in einen Mantel und einem schwarzen Slip gekleidet, steht vor uns und stellt laut die Frage, wieso sie noch nie vergewaltigt worden sei und sich keiner vorstellen könne, dass sie es sich wünsche. Wir hätten uns schon so an die Instinktlosigkeit der Männer gewöhnt, dass wir dieses abnormale Verhalten als normal ansehen würden. Dabei lebe sie sogar in Köln. Lasziv guckt sie uns an und flirtet mir uns. Einige im Publikum lachen, den meisten werden sich schon jetzt einige Fragen stellen. Dann: ein „normaler“ Mann, mit dem durchschnittlichen Maß an Spießigkeit, stellt sich und sein Sternzeichen (Schütze) vor. Nachdem sich auch noch der Entertainer und derjenige, der für die Einführung zuständig ist, vorgestellt haben, beginnt die Geschichte.

Es ist die Geschichte von Cassandra, Tochter des trojanischen Königs. Cassandra war anders, man hat sie als etwas besonders gesehen. Sie war ein Mädchen von großer Schönheit und wurde schließlich Priesterin. Der Gott Apollo, versprach ihr, die Fähigkeit in die Zukunft zu sehen zu schenken, wenn sie mit ihm schlafen würde. Cassandra willigte ein, und wies ihn im letzten Moment zurück. Als Strafe machte Apollo jedes ihrer Worte unglaubwürdig.

Die vier Schauspieler teilen sich die Rolle der Cassandra und werden so der Widersprüchlichkeit der Geschichte gerecht.
Im Hintergrund laufen merkwürdige, amateurhafte Videoaufnahmen, die ein Massaker darstellen sollen und eher ablenkend wirken.

Cassandra leidet. Das Geschenk ihrer Seher-Gabe wird zur Qual. Sie sieht das Ende Trojas vor Augen. Das Unglück scheint nicht abwendbar, doch keiner glaubt ihr. Die anderen fragen, wieso sie sich in die Stadt begibt, in der das Unheil wartet, wenn sie doch das Schicksal kenne. Wie soll das bloß enden! Machtlos muss sie zusehen, wie ihr Troja zerstört wird. Sie selbst wird von einem der griechischen Kämpfer als Sklavin genommen und wenig später von seiner Frau getötet.
Die Bühne liegt im Dunkeln. Abschließend werden philosophische Fragen an die Wand projiziert. Der Mensch ändert nichts. Warum also ausgerechnet sich selbst?
Dann kommen die Schauspieler in knappen weißen Engels-Kostümen auf die Bühne, verbeugen sich und ernten neben Applaus auch noch viel Gelächter.

Eine dramatische Inszenierung, in der immer wieder durch sehr komische Szenen das ganze Publikum zum Lachen gebracht wurde. Leider war das Ende sehr langatmig und verwirrend. Es war nicht immer eindeutig, wo in der Geschichte wir uns gerade befinden, und was die Anspielungen, z.B. auf die Flüchtlingskrise, mit der Geschichte Cassandras zu tun haben. Trotzdem eine gelungene Darbietung!

Am 11. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-unerhoerte/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , .
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