Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Heirat

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Die Heirat“ Regie: Evgeny Titov. Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Kadija Dastager

Die Heirat
von Nikolai Gogol
Max Reinhardt Seminar, Wien

Podkolessin: „(…) Doch was man auch sagt, irgendwie wird es einem unheimlich, wenn man richtig darüber nachdenkt. Für das ganze Leben, für immer und ewig, wie es auch sei, sich zu binden, und danach hilft keine Ausrede mehr, keine Reue, nichts, gar nichts, alles ist aus, alles zu Ende. Auch jetzt schon kann ich überhaupt nicht zurück; noch einen Augenblick und ich bin getraut; nicht einmal fortgehen kann ich (…).“

In seiner Diplom-Inszenierung offenbart Evgeny Titov seine russische Seele und zeigt eine Komödie von Nikolai Gogol aus dem Jahr 1842. Der Zweiakter von Gogol handelt vom Heiraten und die Inszenierung Titovs gleicht dieser fast in allen Punkten.

Die Komödie handelt von vier ungleichen Junggesellen, die unbedingt und wenn möglich sofort in den Hafen der ehelichen Glückseligkeit einlaufen wollen. Helfen soll ihnen dabei die Heiratsvermittlerin Fjokla, gespielt von einer äußert amüsante Draqqueen, die aus ihrem Geschäft eine Art Tugend macht. Die Heiratsvermittlerin und ihre Helferinnen trifft man in einer Art Keller, in der die Protagonisten durch eine Öffnung hineinklettern müssen. Das Bühnenbild ist im grellen rot gehalten, der Eindruck wirkt eher zwielichtig und erinnert an ein Stundenhotel im Rotlichtviertel.

Die Beweggründe der Heiratswilligen sind sehr unterschiedlich: Der leutselige Zwangsvollstrecker Rührei, der nicht müde wird zu erwähnen das er keine Zeit hat und das seine Arbeit eine sehr angesehene sei, ist mehr am Haus- und Hofrat der möglichen Braut interessiert ist. Der unschlüssige Podkolessin, der sich noch uneins ist und von seinem Freund Kotschkarjow in einer Priestersoutane zu einer möglichen Heirat praktisch gedrängt wird. Der elegant wirkende Anutschkin erwartet von seiner angehenden Braut Französisch Kenntnisse, spricht selbst aber kein Wort französisch. Shewarkin trauert seiner Reise in Sizilien hinterher und wirkt noch ganz grün hinter den Ohren, schließlich trägt er eine Pippi Langstrumpf Friseur und pinke Gummisandalen.

Fallen die Charaktere aus der Zeit? Gibt es solche absonderlich wirkenden Gestalten, die in schwarz gehaltenen Kostüme unterstützen diese Eigenartigkeiten der Männer, nur in der russischen Literatur und vielleicht auch nur so bei Gogol (Man denke nur an Gogols “Tote Seelen“ oder “Die Nase“)?

Obschon als ein ganzes Stück inszeniert, ist die erste Hälfte des Stücks filmisch und slapstickartig amüsant und gibt viele Lacher her, umso bestürzender ist dann der Bruch in  der zweiten Hälfte als die mögliche Braut von den Helferinnen durch eine Art Fruchtbarkeitstanz vorgestellt wird. Das Auge des Publikums wird nun auf das Schicksal der Braut Agafja gelenkt, die sich nicht entscheiden kann welchen der vier Junggesellen sie denn nun zum Ehemann wählen soll. In diesem Punkt unterscheidet sich nun die Inszenierung von der Komödie Gogols. Titov setzt dem Elend der Agafja eine moderne sozialkritische Komponente bei. Agafja ist nicht nur eine allein stehende Frau, die ein teures Geschäft mit Fjokla eingeht um einen Mann zu finden, sondern auch schwarz und wird auf dem Heiratsmarkt an den bestbietenden verhökert.

Die einstündige Inszenierung birgt zu Beginn viele lustige Momente und sehr viele bestürzende Momente, die sehr plakativ ausgearbeitet wurden. Eine sehr mutige und moderne Inszenierung eines alten russischen Stoffs.

Am 12. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/die-heirat/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 13. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , , , .
%d Bloggern gefällt das: