Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Pony Camp: Troilus & Cressida

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Pony Camp: Troilus & Cressida“ Regie: Stephanie van Batum. Foto: Körber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Julia Lange

Pony Camp: Troilus & Cressida
nach William Shakespeare
Otto Falckenberg Schule, München

Lässt man Stephanie van Batums Pony Camp: Troilus & Cressida am Ende des Abends noch einmal vor dem inneren Auge Revue passieren, so sind es vor allem die Tanzeinlagen mit dem stimmigen Beat, der einem in Erinnerung bleibt. Die Schauspieler verstehen es meisterhaft, die Eigenheiten ihrer Figuren in die Bewegung zu übertragen. Zusammen mit der Einblendung von Video-Material, in dem sich die Charaktere als selbstverliebte junge Bonzen zur Schau stellen, tragen die Tanz-Performances zu einer multimedialen Figurenzeichnung bei. Der Video-Einsatz ist dabei nicht bloß schmückendes Beiwerk, um den derzeitigen Trend  der Einbeziehung digitaler Medien in die Inszenierungspraxis zu bedienen, sondern trägt zur vertiefenden Charakterisierung bei. Dass der Einsatz von Beyoncé-Hits zugleich stimmungsfördernd wirkt und die Grenzen zwischen Club-Kultur und theatralem Raum zunehmend verwischen, verstärkt die wohlwollende Wahrnehmung des Stückes nur. Zugleich mangelt es der Inszenierung nicht an inhaltlichen Impulsen, die sich insbesondere im Ausloten der Sinnlosigkeit der Kriegsführung niederschlagen. Der Trojanische Krieg wird als ein von männlichen Eitelkeiten und Eroberungslust getriebener Wahnwitz dargestellt, der jeglichen rationalen Zwecks beraubt letztlich nur noch als routinehuldigender, sinnentleerter Selbstzweck fungiert.
Die Verflechtung zweier im Grunde disparater Geschichten, nämlich Shakespeares Troilus und Cressida und dem darin verhandelten Trojanischen Krieg einerseits und dem Götterepos um die Entführung der schönen Helena andererseits, wird dabei kunstvoll und logisch-stringent in die Praxis umgesetzt. Die Zusammenführung der beiden Narrative trägt zugleich dazu bei, einer plakativen Lesart des Stückes als (bloßes) Anti-Kriegsstück vorzubeugen. (Wobei anzumerken ist, dass die grundsätzliche Komplexität von Shakespeares Textvorlagen bereits per se einer naiven, eindimensional aktualisierenden Auslegung des Materials vorbeugen.) Gender-Rollen und damit verbundene sexistische Vorbehalte werden anhand der Gegenüberstellung von Cressida und Helena – hervorragend gespielt von Stacyian Jackson, die beide Charaktere spielt und somit die Frage nach den Gemeinsamkeiten und Unterschieden zwischen den beiden Frauenfiguren schon durch ihre körperliche Präsenz stellt – ebenso ausgehandelt wie homophobe  gesellschaftliche Tendenzen ins Visier genommen werden. Die Reputation Shakespeares als, wie oftmals verlautet wird „zeitloser“ Autor,  der sich hervorragend für zeitgenössische Aktualisierungen und die Reflexion über dauerbrennende theoretische Grundkonzepte von „class, race, and gender“ eignet, wird dadurch ein weiteres Mal bekräftigt. So wird die Figur der Cressida / Helena in „Pony Camp“ von einer schwarzen Schauspielerin gespielt, die sich in ihrer Rolle eine Machtposition in einer von Männern dominierten Welt erkämpft. Der Kriegsschauplatz Troja wird dadurch um kriegerische Nebenschauplätze ergänzt, in denen gender- und race-relevante Machtstrukturen hinterfragt und neu ausgehandelt werden.
Dass der Zuschauer bei all den Erzählsträngen und der aus zeitlichen Gründen unvermeidbaren Kondensierung von Shakespeares Prätext am Ende dennoch nicht den roten Faden verliert, ist vor allem der Einbettung einer übergeordneten Erzählinstanz (hervorragend gespielt von Tom Afman) geschuldet, der zunächst außerhalb des Geschehens steht und den Zuschauer mit seinen Kommentaren durch das Stück leitet. Im Laufe des Abends durchbricht jedoch auch er die Trennlinie zwischen der erzählten fiktionalen Welt und der sie rahmenden Realität und agiert als Troilus.  Geschichtserzählungen werden somit als subjektiv perspektivierte, narrative Konstrukte entlarvt, die sich per definitionem als nicht objektiv repräsentierbar erweisen.
Erwähnenswert ist zudem die Tatsache, dass Pony Camp fortwährend zweisprachig (Englisch/Deutsch) erzählt wird, was vermutlich mitunter mit der mehrsprachigen Zusammensetzung des Ensembles, das sich u.a. aus jungen Schauspielern aus Deutschland aber auch den Niederlanden zusammensetzt, zu tun hat, aber zugleich eine inhärente Logik entfaltet, als dass der Übersetzungsprozess und die Verhandlung von Differenzen dem Zuschauer auch sprachlich immer wieder vorgeführt und verdeutlicht werden.
Insgesamt vermag Pony Camp zu überzeugen, auch wenn das Stück von der einen oder anderen Streichung einer hinten raus nicht mehr ganz dramaturgisch stimmigen Tanzeinlage sowie einigen Slapstick-Einlagen profitiert hätte. Es ist Stephanie van Batum zu wünschen, dass sie auch in Zukunft (finanziell) aus dem Vollen schöpfen können und uns mit ihrem Ideenreichtum beglücken wird.

Am 9. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/pony-camp-troilus-cressida/

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

Information

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , .
%d Bloggern gefällt das: