Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Play Maids

Koerber Studio Junge Regie 2016

„Play Maids“ Regie: Mart van Berckel. Foto: Köšrber-Stiftung /Krafft Angerer

Von Julia Lange

Play Maids
von Anne Freriks, Robin Kuiper, Mart van Bercke
ArtEZ University of the Arts, Arnheim, NL

Soziale Repression, das Aufbäumen gegen dominante Machtstrukturen, flexible Identitätskonstruktionen, die Fragilität und Durchlässigkeit der Grenze zwischen Selbst und Anderem, Unterwerfungs- und Rebellionsfantasien, Todessehnsucht, Illusionsbruch, Metafiktionalität / Selbstreferenz, …
Mart van Berckels Play Maids liest sich ein wenig wie eine auf die Bühne gebrachte Vorlesung zu poststrukturalistischer und postkolonialer Theorie, der die Frage nach der Anwendung und dem Gegenwartsbezug des theoretischen Rüstzeugs zwar nicht gerade abhanden gekommen ist aber die eben diese Frage offenkundig für sich selbst noch nicht ganz klar beantwortet zu haben scheint. Zumindest fragt man sich als Zuschauer am Ende des Nachmittags, weshalb ausgerechnet Jean Genets „Die Zofen“ als literarische Vorlage für die Regiearbeit herhalten musste. Dass „die Figuren der beiden Zofen […] in dieser Arbeit beispielhaft für die junge Generation [stehen]“, wie es im Programmheft erläuternd heißt, leuchtet zwar als Analogiebildung ein, aber ob mit dem Dienstverhältnis zwischen zwei Zofen und ihrer Herrin tatsächlich ein prägnantes Bild für eine kritische Zeitdiagnose gefunden wurde, bleibt fraglich. Au-pairs und unterbezahlte, teils illegal beschäftigte Niedriglohnarbeit hin oder her: die Art und Weise wie hier die Frage nach Macht und daran gebundenem sozialen Status visuell auf die Bühne gebracht wird mutet stellenweise ein wenig altbacken und ratlos an.
Die ersten zwanzig Minuten sind für den Zuschauer noch spannend zu verfolgen. Zwei junge Frauen im Stewardess-Outfit (Kostüme des Fashion Labels MAISON the FAUX) stehen in einer mit in Zellophan verhüllten Abendkleidern bespickten, käfigartigen Struktur. Mit dem Rücken zueinander gekehrt begrüßen sie uns unisono mit den Worten „Hello everyone. I am Clare. And this is Solange.“ Die Phrase wird in Folge mehrfach mit leichten Variationen wiederholt. Der Effekt: das vermeintlich Vertraute wird entfremdet. Später werden Gegenstände wie (phallisch anmutende) Flöten, Holzstöcke, Plastikhandschuhe hochgehalten und in ihrer Textur untersucht. Mit anderen Worten: eine Semiotik der Alltagswelt, die an Martha Roslers feministisches Werk Semiotics of the Kitchen aus dem Jahr 1975 erinnert. Erneut ist die Funktion die Verfremdung der Wahrnehmung des vermeintlich Vertrauten.
Das bis dahin durch die Dramaturgie konsequent und überzeugend aufgebaute Spannungsmoment kippt als die bislang nur als absente Präsenz spürbare Machtinstanz in Gestalt der alten Herrin den Raum betritt und damit für das Publikum sichtbar wird. Die kreative Mitarbeit des Zuschauers an der Sinnstiftung und der imaginativen Konstitution der repressiven Instanz wird mit einem Schlag zu Nichte gemacht – einem Schlag, der vielleicht stärker ausfällt, weil die sogenannte Herrin in ihrer Kostümierung – anders kann man es nicht nennen – als reine Witzfigur erscheint. (So schmückt ein buntes Federkleid den Kopf der Herrin, sie trägt zerschlissene Kleider, die Unterwäsche wird demonstrativ zur Schau gestellt, um nur einige Aspekte ihres Aussehens zu nennen.)
Was sich dann im Folgenden abspielt, ist überwiegend ein Durchdeklinieren sämtlicher Topoi, die im aktuellen politischen und kulturellen Diskurs der Bundesrepublik und darüber hinaus gerade Konjunktur haben. Lesbische Neigungen, die sich impulshaft und irrational Bahn brechen, Akte der Rebellion und abschließend eine sich aufgestaute Aggressionsbereitschaft gegen die unterdrückende Instanz, die letztendlich in Todessehnsucht und die Lust an der Zerstörung des eigenen Selbst umschlägt.
Fazit: Mart von Bandels Regieproduktion ist insgesamt zu stark von seiner theoretischen Unterfütterung durchdrungen, so dass die Substanz des Stückes ins Hintertreffen gerät und abgesehen von mittlerweile zu Allgemeinplätzen verkommenen Ideen wie beispielweise die der fluiden Identitätskonstruktion und der porösen, ständig neu auszutarierenden Grenze zwischen dem Selbst und dem Anderen – und trotz der oftmals einprägsamen visuellen Bilder – wenig an nachhaltigen Gedanken, die man noch nicht in ihrer altbekannten postmodernen Verpackung kennen gelernt und hundertfach dechiffriert hätte, erzeugt wird. Andererseits: das Talent des Regisseurs ist unverkennbar. Vielleicht muss man dieses erst noch an den Theorie- und Literaturklassikern reifen lassen, bevor man eine bahnbrechende, will heißen, eine etablierte Denkströmungen rezipierende, aber sich zugleich von diesen durch eine kritische Überarbeitung distanzierende, künstlerische Eigenleistung verlangt. Aber als Plattform fürs Experimentieren und für sich vollziehende Reifeprozesse ist das Festival Junge Regier ja gerade da.

Am 9. Juni im Thalia in der Gaußstraße

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/play-maids

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 11. Juni 2016 von in Allgemein, Körber Studio und getaggt mit , , , , , , , , .
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