Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Das Schloss

Das Schlossnach Franz Kafka
Premiere Thalia Theater am 4. Juni 2016

Regie Antú Romero Nunes

„Das Schloss“ nach Franz Kafka. Regie: Antú Romero Nunes. Foto: Armin Smailovic

Von Sophia Derda

Wir brauchen keinen Landvermesser!

Antú Romero Nunes inszeniert Kafkas „Das Schloss“  im Thalia Theater, am 04. Juni war Premiere.

Franz Kafkas unvollendeter Roman wurde 1923 verfasst und trotz der fast 100 Jahre ist das Thema noch voller Aktualität. Der Protagonist K. muss ins Schloss, er ist Landvermesser und wurde berufen seine Arbeit in der Gegend auszuüben. Angekommen in dem Dorf vor dem Schloss, stößt er ausschließlich auf Verachtung und Ignoranz. K. ist fremd. Alle Versuche in das Schloss zu gelangen scheitern, sei es durch die undurchschaubaren Hierarchien der Abteilungen oder auch die Ablehnung der Dorfbewohner. Und K. bleibt trotz aller Bemühungen fremd.

In 3 Sequenzen zeigt Regisseur Antú Nunes K.s verwirrende und aussichtslose Suche nach Antworten in denen er sich zum Schluss selbst verliert.
Zu Anfang bin ich K., nein eher wir alle sind K., das Publikum wird direkt angesprochen und das nicht sehr nett. Abwechselnd kommen merkwürdig aussehende Gestalten allesamt mit Fat-Suits und unterschiedlichen Masken ausgestattet direkt vorne an die Rampe und bestehen darauf, dass wir, also K., verschwinden sollen. Die Bühne wirkt bedrohlich und kalt in dunkelblauen Licht mit Nebelschwaden bedeckt und am liebsten möchte man als K. wirklich einfach verschwinden. Aber K. ist ja nicht umsonst hier, K. ist Landvermesser und wurde beauftragt in das Schloss zu kommen. Als dies die Bewohner des Dorfes erfahren, ändert sich die Stimmung nur teilweise, immer noch ist man verärgert über die fremde Person und will sie nicht wirklich willkommen heißen, aber einige wenige sind bereit K. ein paar Antworten zu geben. Dennoch will niemand den Landvermesser in dieser Gegend haben, ein Landvermesser galt früher als Bedrohung, da durch ihn Grenzen neu gesteckt wurden und die Bevölkerung zwangsläufig die Angst hatte, dass sie Land verlieren könnte.

K.s Suche geht weiter, in der zweiten Sequenz nimmt sich eine Kindergruppe mit Thomas Niehaus als Lehrer die Geschichte vor und spielt sie für Nunes typisch klamaukig nach. Nun hat Mirco Kreibich die Rolle des K. übernommen, weiterhin trifft K. auf Ablehnung und Gewalt und verliert sich immer mehr in der Welt. In Folge dessen wird er von den anderen Figuren bis auf die Unterhose ausgezogen und durch seine darauffolgenden spinnenartigen Bewegungen hat man als Zuschauer noch viel mehr das Gefühl, dass er hier nicht reinpasst und ein Fremdkörper ist. Die Bühne verändert sich währenddessen auch, der noch zuvor leere Bühnenraum füllt sich mit großen Gerüsten, die durch Treppen zu erklimmen sind.

Durch einen krassen Lichtwechsel geht es in die dritte Sequenz über, in hellem Licht erstrahlt das riesige Konstrukt, auf dem die nur noch in Unterwäsche bekleideten Dorfbewohner  vor dem schlafenden K. stehen. Die Szenen wiederholen sich und K. wird immer verzweifelter auf der Suche nach Antworten. Die Bühne beginnt sich zu drehen und die Schauspieler rennen und klettern in alle Punkte des Gerüstes, als würden sie selbst auf der Suche nach etwas sein, aber nicht wissen nach was. Die Szenen verstreichen, Personen kommen und gehen, aber am Ende bleibt wieder nur K. alleine. Er hat es nicht geschafft, oder es noch gar nicht richtig versucht? War diese ganze Reise doch nur ein Traum? Man weiß es nicht. K. verliert sich auf jeden Fall, nicht nur in dem Schloss und in seinen Gedanken, sondern auch in dem aufkommenden Schneesturm, der auf der Bühne herrscht. Wie fühlt man sich, wenn man nur auf Ablehnung und Unverständnis stößt, was passiert mit einem? Durch K. hat man einen erschreckenden Einblick bekommen, wie es sein könnte.

Nunes bringt einem Kafka sehr nah, man fühlt sich involviert und gehört zu K., die Lage von ihm wird deutlich. Der Abend geht wie eine Bilderflut hinüber, die Fülle der Szenen und Begegnungen mit den unterschiedlichsten Figuren sind sehr kurzweilig und unterhaltsam. Das Vorurteil Kafka sei nicht auf die Bühne zu bringen, trifft hier nicht zu. Neben der enormen Schnelligkeit im Spiel der Schauspieler, muss die körperliche Anstrengung unheimlich hoch sein, was nur zu bewundern ist. Alle aufkommenden Figuren wirken authentisch und sind genau passend, sowie sehr gut besetzt.
Am Ende gab es großen und langen Applaus für einen wirklich tollen Theaterabend  mit dem Beweis, dass Kafka echt Spaß machen kann!

Premiere am Thalia Theater am 4. Juni 2016.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/das-schloss/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 7. Juni 2016 von in Allgemein, Premierenblog und getaggt mit , , , , , , , , .
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