Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Endstation Sehnsucht

Endstation Sehnsucht, Thalia Theater

„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams. Regie Lars-Ole Walburg. Foto: Krafft Angerer

Von Phuong Ngoc Nguyen Le

Seit ich Pedro Almodóvars „Alles über meine Mutter“ gesehen habe, der Teile des Theaterstücks als zentrales Element in seinem Film integrierte, wollte ich mir endlich eine Inszenierung von „Endstation Sehnsucht“ auf der Bühne ansehen. Die Botschaft des Stückes berührte mich damals zutiefst. Nun hatte ich dank des Thalia Theaters die Möglichkeit dazu.

Tatsächlich muss man das Stück aber überhaupt nicht kennen, um der Vorstellung zu folgen. Die Geschichte wird nämlich schnell und geradlinig erzählt: Die alternde Aristokratin Blanche DuBois (Karin Neuhäuser) muss zwangsweise ihr altes Familienanwesen räumen und zieht kurzerhand bei ihrer Schwester Stella (Patrycia Ziolkowska) und ihrem Ehemann Stanley (Sebastian Zimmler) ein. Dieser ist ein raubeiniger Sohn polnischer Migranten und überhaupt nicht über Blanches Anwesenheit begeistert. Um aus ihrer finanziell misslichen Lage herauszukommen lässt sich Blanche auf Stanleys Spielkumpanen Mitch ein, der ihr intellektuell und sozial unterlegen ist. Als Stanley ihre Lügen aufdeckt und Teile ihrer verruchten Vergangenheit ans Licht kommen, fällt sie bei Mitch und Stella in Ungnade. Sie wird von Stanley in einem letzten Akt der Erniedrigung vergewaltigt. Blanche bleibt psychisch und physisch gebrochen zurück.

Auf den ersten Blick fällt zunächst das ungewöhnlich aufwendige Bühnenbild auf (man erwartet mittlerweile gar nichts anderes mehr von Thalia), das trotzdem unorthodox minimalistisch anmutet. Wie auf Wolken fühlt man sich beim Anblick der Schaumkulisse, die wie Legosteine aufgebaut paradoxerweise eine klaustrophobische Tiefe erzeugen. Der Aufbau wirkt wie eine Art Traumwelt und untermalt somit Blanches geistigen Verfall und ihr alkoholisches Delirium. Toll fand ich auch das Spiel mit dem Licht, bei der die Bühne eine dankbare Leinwand bot. Dadurch wirkten die Situationen noch surrealer.

Kontrastierend zur minimalistischen Bühne waren die Kostüme bunt und schrill. Stella, die ohnehin durchgehend wie eine Cartoonfigur wirkte, tanzte in einem naiv-pinken Minikleid (zu Cola-Werbung) herum. Bei Figuren aus sozial schwächeren Milieus waren die Kostüme klischeebeladen – natürlich eingedeutschte Klischees. Der grobschlächtige Einwanderersohn Kowalski, stellvertretend für das Bild des asozialen Großstadtmenschen, kam in Adidas-Trainingsanzug mit obligatorischen Lederschuhen, während Blanche in glitzernder Abendgarderobe glänzte.

Auch die sexuell aufgeladenen Szenen haben recht wenig der Fantasie des Zuschauers überlassen. Das Stück, das man auf Deutsch besser mit „Endstation Begierde“ hätte übersetzen müssen, ist jedenfalls nicht sparsam mit seinen anzüglichen Darbietungen: Blanches an Mitch gerichtete Avancen sind nur allzu eindeutig, ganz zu schweigen von den animalischen Liebestänzen zwischen Stella und ihrem von „Viehscher Begierde“ getriebenen Geliebten Stanley (Zimmlers Darstellung des Brutalos Kowalski erinnerte einen übrigens oftmals an seine frühere Rolle als ruchlosen Don Giovanni. Ging es nur mir so?).

Ein Wermutstropfen waren dann doch die übertrieben eingesetzten Slapstick-Einlagen, mit denen man hätte sparsamer sein können (beispielsweise das Plüsch-Schwein). Dadurch nahm man dem Stück und seinen Charakteren leider eine große Portion Tiefgang und Tragik, was meines Erachtens (vielleicht auch Almodóvar verschuldet) den Charme dieses Stücks ausmacht.

Premiere Thalia Theater am 16. April 2016.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/endstation-sehnsucht/

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