Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Kaspar Häuser Meer

Kaspar Häuser Meer von Felicia Zeller Premiere im Thalia in der Gaußstraße am 21. April 2016 Regie Friederike Harmstorf Bühne Stéphane Laimé Kostüme Sibylle Wallum Musik Konrad Hempel Dramaturgie Susanne Meister Darsteller Gabriela Maria Schmeide (Silvia, rechts), Birte Schnöink (Anika, links), Victoria Trauttmansdorff (Barbara, mitte) Copyright by Armin Smailovic Gravelottestrasse 3 D- 81667 Muenchen Commerzbank Muenchen Kto. 682038400 Blz. 70080000 Veröffentlichung honorarpflichtig! Umsatzsteuersatz 7% Steuernummer 146/198/60102 FA München

„Kaspar Häuser Meer“ von Felicia Zeller. Regie: Friederike Harmstorf. Foto: Armin Smailovic

Von Mona Li

Ein stilles Spektakel. Gesetzte Ausraster und insgesamt strukturiert Grotesk.
Friederike Harmstorf inszeniert Kaspar Häuser Meer, geschrieben von Felicia Zeller, am Thalia Theater Hamburg.
Zeller liefert eine brillante Textvorlage, die mit grotesken Elementen drei starke Frauen, alle im selben Jugendamt arbeitend, porträtiert. Die eine, Barbara, schaufelt sich mit Arbeit zu und möchte darüberhinaus die Akten der anderen übernehmen. Sie ist besorgt um ihre Mitarbeiter und vergisst dabei sich selbst. Dabei sehnt sie sich nach einer Reise nach Spanien oder nach einer Wanderung zum Gipfel des Himalayas. Die Andere erfindet immer wieder neue Ausreden und behauptet viel zu arbeiten, um ja nicht noch mehr tun zu müssen. Die Methode in ihren eigenen Worten: „Tu gutes und rede darüber“. Gleichzeitig ist sie alkoholabhängig. Die Dritte arbeitet, in ihren Augen, so viel und so sorgfältig, dass sie ihr eigenes Kind zu Hause vernachlässigt.
Auch wenn die drei Frauen sich in ihren unterschiedlichen Verantwortlichkeit-Komplexen unterscheiden, haben sie eins gemeinsam: Sie alle sind davon überzeugt, das einzige Richtige zu tun. Alle drei fühlen sich als Heldinnen und kämpfen für eine bessere Welt. Wofür die drei aber am meisten kämpfen ist, dass ihre Arbeit und das damit einhergehende (selbst provozierte) Leiden und ihr Überengagement anerkannt werden.
Das Ausmaß und die Energie, die von den drei Charakteren in ihre Arbeit gesteckt werden, wird von Harmstorf in regsamen, explosiven Szenen dargestellt: Am Höhepunkt ihres Frustes über die Arbeit schmeißen die drei Frauen wie wild mit Akten um sich und wälzen sich darin. Begleitet von Schreien, steigert sich dieses Szenario bis zum absoluten Höhepunkt. Dann ist Stille. Im Kanon beginnen die drei eine therapeutische Gruppenmeditation. Alles ist wieder gut.
Die ekstatische Aufregung wirkt so expressiv und urmenschlich, dass man glauben könnte, die Inszenierung spiele subversiv darauf an, wie sehr die Aufregung der drei Frauen sie tief im Inneren befriedigt.

Hiermit stellt Friederike Harmstorf die essentielle, ubiquitäre und im aktuellen Tagesgeschehen wichtige Frage: Sind diese Menschen tatsächlich als altruistische Gutmenschen zu würdigen, oder geht es ihnen lediglich nur darum, anderen zu helfen, um eine Psychohygiene für das eigenes Ego zu betreiben?
Im Verlauf des Stückes kristallisiert sich heraus, dass sich jede der drei Frauen der realen Verantwortung entzieht. Es wird über sexuellen Missbrauch hinweggesehen und das eigene Kind einer Protagonistin vernachlässigt. Wenn es darum geht, richtige und tugendhafte Verantwortung zu zeigen, lässt sich diese nicht in vorgefertigten Bögen des Amtes kategorisieren. Sie drei versinken im System der Bürokratie. Den dabei entstehenden Fehlern und Folgen wollen die Arbeiterinnen entfliehen. Harmstorf greift diesen Aspekt auf und lässt die Frauen genau dann, wenn es knifflig wird, unter selbstgebastelten Masken verstecken.

Trotz dessen sehen sich die Frauen als gesellschaftliche Heldinnen. Sie appellieren an das Publikum: WIR RETTEN DIE WELT UND IHR SOLLT ES ALLE WISSEN. Sie schreien diese Nachricht nicht nur zum Publikum hinaus, sondern sprechen auch die Politiker und Medien an: „Gesetze brauchen wir nicht, ihr blöden Politiker“.  Denn sie tun etwas Gutes für die Gesellschaft und posaunen es heraus. Keiner soll sie kritisieren. Sie machen ihre Arbeit gut, gewissenhaft und mit Moral. Alle sollen es wissen, aber keiner darf Kritik an ihren „persönlichen Messias-Festspielen“ äußern.

Friederike Harmstorf schafft es, die drei Protagonistinnen als gleichzeitig starke, selbstüberzeugte Frauen und desillusionierte, verlorene Seelen darzustellen. Sie lässt das Publikum bei dem vielen Wortwitz der Textvorlage und den vielen Sätzen, die nicht zu Ende …
bequem zurücklehnen, erfordert aber gleichzeitig ein Übermaß an Aufmerksamkeit. Denn gerade die gesellschaftskritischen Aspekte und die Kritik am Gutmenschentun feiert Sie mit Popsongs, Tanzeinlagen und wilden Eskalationen auf der Bühne. Mit wenig Bühnenbild und mit drei exzellenten Schauspielerinnen schafft sie den Spagat zwischen subtiler Kritik und herrlich witziger Unterhaltung. Und alle die das anders sehen, sind in den Worten der Protagonistinnen „naive Querulanten“.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/kaspar-haeuser-meer/

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