Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Endstation Sehnsucht

Pressebilder: Endstation Sehnsucht von Tennessee Williams Regie Lars-Ole Walburg BŸhne Florian Lšsche KostŸme Heide Kastler Musik Markus HŸbner Choreografie Valent’ Rocamora i Torˆ Video Bert Zander Dramaturgie Julia Lochte Darsteller: Stephan Bissmeier (Mitch) Christina Gei§e (Eunice / Eine Krankenschwester) Lorenz Hochhuth (Ein junger Kassierer / Ein Arzt) Arman Kaschmiri (Pablo) Karin NeuhŠuser (Blanche DuBois) Tilo Werner (Steve) Sebastian Zimmler (Stanley Kowalski) Patrycia Ziolkowska (Stella DuBois) v.l.n.r. Sebastian Zimmler, Patrycia Ziolkowska und Karin Neuhaeuser Abdruck Honorarpflichtig: Krafft Angerer Toenninger Weg 126 22609 Hamburg ka@krafft-angerer.de Mobil: +49-172-8088180 Hypovereinsbank Muenchen KoNr 718 32 32 BLZ 700 202 70 UstidNr. 26/335/71654 Honorar inkl. 7% Mwst Kontakt: Thalia Theater | Presse- und …ffentlichkeitsarbeit Ursula Steinbach | Alstertor | 20095 Hamburg Tel 040. 32 81 41 11 | Fax 040. 32 81 42 04 presse@thalia-theater.de | www.thalia-theater.de

„Endstation Sehnsucht“ von Tennessee Williams. Regie Lars-Ole Walburg. Foto: Krafft Angerer

Von Julia Lange

Mehrere Dutzend aufeinander getürmte Rechtecke dienen als Bühnenbild. Einige von ihnen hängen von oben herab und erinnern an umgekehrte Wolkenkratzer oder herabkommende Elemente aus einem Tetris-Spiel. Es herrscht ein Gefühl von Enge und Beklommenheit. Die Schauspieler betreten und verlassen den Bühnenraum wie Ratten aus ihren Löchern. Sie springen auf den nächsten Kasten, erklimmen die nächste Stufe auf der sozialen Vertikalen, nur um später nach unten zu springen beziehungsweise zu fallen. Super Mario in „slow motion“ – die letzte Station des sehnsüchtigen Strebens nach gesellschaftlicher Anerkennung endet dann auch sinngemäß im „Game Over“.
Die durch das Bühnenbild evozierte Atmosphäre einer instabilen, hierarchisch strukturierten Gesellschaft mit beträchtlicher Fallhöhe durchdringt den in Tennessee Williams Theaterstück konturierten sozialen Raum und ist mehr als bloß Staffage für das im Drama zentral verhandelte Dilemma der Protagonistin, der (verblassten) „Southern Belle“ Blanche DuBois. Die „Weiße aus dem Wald“ – wie Blanche ihren Namen während der Vorführung selbst sinnstiftend deutet und damit zugleich auf die Übersetzung von Williams Werk in den deutschen Kontext verweist – muss sich an eine ihr fremde Lebenswelt, nämlich die der modernen Großstadt, anpassen und scheitert daran. Am Anfang noch mit „weißen“ Lügen um ihr Glück kämpfend, wird die von ihr narrativ konstituierte Welt von ihren Mitmenschen bald als Scheinwelt entlarvt. Während alle anderen Blanche und ihre realitätsfernen Erzählungen als verlogen und gescheitert entlarven und aufgeben, hält sie an der von ihr imaginierten Lebenswelt fest. Der amerikanische Traum pervertiert, gleichsam in seiner apokalyptischen Version – als sozialer Abstieg und in der Irrenanstalt endend. „Ich habe immer an die Anständigkeit von Fremden geglaubt,“ verkündet Blanche am Ende des Abends. Die Naivität eines Gutmenschen? Oder ein pathetischer, manipulativer Versuch, sich vor Unbekannten als weißes, unbeschriebenes Blatt zu präsentieren und den drohenden Kollaps ihrer Identitätskonstruktion durch Rückgriff auf den uramerikanischen Topos der permanenten Neuerfindung (des Individuum ebenso wie der Nation) doch noch in letzter Sekunde abzuwenden?
Endstation Sehnsucht besticht durch die sehr gute schauspielerische Leistung ihrer Hauptdarstellerin Karin Neuhäuser (Blanche DuBois) und durch gut besetzte weitere Rollen. Fragwürdig erscheint jedoch die zuweilen allzu starke Adaption der dramatischen Vorlage des amerikanischen Autors an den deutschen Kontext („Erlebniswochenende in Pinneberg“) und die vollständige Ausblendung der für die Dramaturgie von Williams Stück essentiellen Vergewaltigungsszene, die den ultimativen Bruch in Blanches Leben auf die physische Ebene überträgt und ihre Wortkonstruktionen mit den harten Fakten des Lebens kollidieren lässt. Mit anderen Worten: die Penetration einer erbarmungslosen Realität durch Blanches Innerstes findet in der Vergewaltigungsszene ihren kongenialen Ausdruck. In der jetzigen Fassung kommt das Ende hingegen abrupt und für den Zuschauer psychologisch eher unmotiviert daher.  Der Showdown zwischen der brachial-animalischen Kraft Stanley Kowalskis, der sich die Deutungshoheit über Blanches Vergangenheit und somit die Entscheidungsgewalt über ihre Zukunft auf Grundlage des einfachen Prinzips der Überlegenheit des Stärkeren sichert, und der ausweglos in die Enge getriebenen, offenkundig nur illusionär reinen Blanche, bleibt aus. Wer Williams Text nicht gelesen beziehungsweise andere Bühnenfassungen nicht gesehen hat, bekommt die Durchdringung von Blanches – von antiquierten Südstaatenidealen inspirierten – Fantasiewelt durch die phallisch symbolisierte Macht einer männlich dominierten modernen Großstadt (mit ihren glitzernden Hochhäusern und dem für sie charakteristischen durch- und getriebenen menschlichen Verhalten) wohl nicht in der ganzen im Dramentext angelegten Bedeutungstiefe mit.
Trotz dieser Kritikpunkte weckt ein Klassiker wie Tennessee Williams „Endstation Sehnsucht“ unweigerlich große Emotionen und regt zum Hinterfragen bestehender Gesellschaftsstrukturen und dem damit in Wechselwirkung stehenden Geschlechterverhältnis an. Großes Kino eben – mit dem Unterschied, dass es hier nicht auf der Leinwand, sondern auf den Brettern, die die Welt (be-)deuten spielt.

https://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/endstation-sehnsucht/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 22. April 2016 von in Premierenblog und getaggt mit , , , , , , , .
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