Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Mitleid. Geschichte des Maschinengewehrs

Mitleid - Die Geschichte des Maschinengewehrs

Von Danja Duta

Als das Stück mit einer Audioaufnahme spielender und lachender Kindern zu Ende geht und endlich auch der Achterbahn meiner Gefühle ein Ende gesetzt wird, atme ich erleichtert auf. Denn dieses Theaterstück von Milo Rau, das am vorletzten Tag der Lessingtage den Zuschauerraum füllt, geht ganz tief unter die Haut. Vielleicht liegt das an der physischen Nähe zwischen Publikum und Bühne im Thalia in der Gaußstraße. Vielleicht daran, dass die Gesichter der beiden Schauspielerinnen auf eine große Leinwand projiziert werden, über die sie jedem im Publikum tief in die Augen schauen, während sie sprechen. Ganz sicher liegt es auch an der herausragenden schauspielerischen Leistung von Ursina Lardi, die mich mit ihren traumatischen Erzählungen in einen Bann zieht und nicht nur Mitleid in mir hervorruft, sondern mich regelrecht mitleiden lässt.
Zu Beginn lernen wir eine junge Frau namens Consolate Sipérius kennen, die in Burundi – einem kleinen Binnenstaat bei Ruanda – geboren wurde. Sie erzählt uns, wie sie als Kind den Mord ihrer eigenen Eltern mit ansehen musste. 1994, zur Zeit des Genozids wurden in Ruanda und den angrenzenden Ländern fast eine Millionen Menschen der Volksgruppe Tutsi bestialisch hingerichtet. Nachdem Consolate einige Jahre in einem Waisenhaus in Ruanda gelebt hatte, wurde sie von einem belgischen Paar adoptiert. „Sie haben mich in einem Katalog ausgesucht. Wie Möbel in einem IKEA-Katalog“, erklärt sie dem Publikum. Zynisch spricht sie über die Wohltäter, die sie damals aus ihrer Heimat rissen und in eine kleine Stadt in Belgien brachten, in der sie als einziges dunkelhäutiges Mädchen oft wie ein Tier angestarrt wurde.
Dann betritt Ursina Lardi eine Bühne, die einem Trümmerhaufen nach jahrelangem Krieg und Zerstörung gleicht. Kaputte Stühle, Tische, ein Kühlschrank, Äste, Steine, Holz und Textilien liegen herum – nur noch Schutt und Asche eines einst geordneten Lebens. Die selbstbewusste und überaus sympathische Frau erzählt uns viel aus ihrem Leben. Über Alltägliches, die Schauspielerei und ihre Sichtweise auf die derzeitige Flüchtlingssituation. Dabei scherzt sie, lacht oft und bringt auch das Publikum zum Lachen. Im Laufe des Stücks wird klar, dass die Stärke, die ich zu Beginn des Monologs in ihrem festen Blick sehe, nur wie die Fassade eines alten zerbombten Bauwerks ist. Im Verlauf der nächsten Stunden lacht, weint, schreit sie, macht Witze, vergräbt verzweifelt ihr Gesicht in ihren Händen, richtet ein Maschinengewehr auf das Publikum und arbeitet mit uns ihr Trauma auf. Das Trauma einer viel zu jungen naiven Frau aus der Schweiz, die vielleicht einfach nur helfen will, als sie in jungen Jahren als NGO-Mitarbeiterin nach Ruanda kommt.
Der Monolog, der sich eher wie ein Dialog zwischen uns anfühlt (obwohl ich lediglich stumm da sitze und zuhöre) bringt mich so nah an das Erlebte, so dass ich irgendwann vergesse, dass es nicht ich bin sondern sie die Teil einer schrecklichen Geschichte wurde und das Leid vieler Menschen hautnah zu spüren bekam. Wer stark genug ist in diesen schweren herzzerreißenden Dialog einzusteigen und sich in einem schmerzhaften Gespräch voller Schuld- und Moralfragen zu verlieren, sollte sich in dieses Stück wagen. Und ich verspreche es wird viele neue Fragen aufwerfen, in einer Welt die vom Mitleid der westlichen Staaten geprägt ist und von diesem Mitleid maßgeblich abhängt. Fragen, die nicht so einfach mit dem Applaus der Menge enden, sondern noch lange Zeit nach hallen werden. Zumindest in meinem Kopf.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 9. Februar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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