Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Antigone of Shatila

ANTIGONE OF SHATILA © Tabitha Ross - 4

 Von Julia Lange

Mohammad Al-Attar und Omar Abusaadas „Antigone of Shatila“ stellt die große Frage nach dem Zusammenhang zwischen Kunst und Leben. Wie kann eine antike griechische Tragödie zur Sinnstiftung und Auseinandersetzung mit aktueller Geopolitik und individueller Leiderfahrung beitragen? Und was ist beziehungsweise kann vielmehr die Funktion des Theaters auf die aktuelle Krise in Syrien sein?

„Antigone“ gibt eine kluge Antwort auf diese Fragen, indem sie sie an den Zuschauer weiterreicht. Bereits vor Beginn der Aufführung fragt man sich: weshalb Sophokles Antigone und aktuelle Flüchtlingskrise zusammen denken? Anstelle Sophokles Tragödie mit professionellen Schauspielern besetzt (mehr oder minder) originalgetreu aufzuführen, kreiert der junge Regisseur Omar Abusadaa eine Setting, in der wir zu Zeugen werden, wie sich neun Frauen, die auf der Flucht aus ihrer syrischen Heimat Schutz im Camp Shatila in Beirut fanden und schließlich dem Theaterprojekt beitraten, zur mythischen Figur der Antigone in Bezug setzen. Die Bühne verwandelt sich somit zu einem Resonanzraum, in dem individuelle Flucht- und Gewalterfahrungen durch die Folie eines antiken Stoffes neu perspektiviert und einem westeuropäischen Publikum zugänglich gemacht werden. Was wir an Erfahrungsberichten zu hören bekommen, ist dabei oftmals schockierend, empörend und herzzerreißend. Die Suche nach verschollenen Geschwistern, das Einrennen geschlossener Türen auf der Suche nach Familienangehörigen – letzten Endes ohne Erfolg.

Entmutigt wirken diese Frauen trotz ihrer leidvollen Erfahrungen jedoch keineswegs. Ganz im Gegenteil, allein durch ihre Präsenz auf der Bühne bejahen sie das Leben. Was sie allerdings zurückreflektieren, ist unsere eigene Untätigkeit – unser, im wahrsten Sinne des Wortes, stilles Dasitzen. Auch sie selbst bewegen sich kaum. Abwechselnd treten sie ans Mikrofon und beginnen zu erzählen. Ihr Aktionsradius und Handlungsspielraum, so wird suggeriert, ist eingeschränkt. Oder ist es vielmehr das Trauma, das sie in ihrer Bewegung lähmt?

Als Zuschauer kommt uns in diesem dokumentarischen Theater die Rolle des Zeugen zu. Durch den Akt des Erzählens ihrer traumatischen Erinnerungen teilen die syrischen Frauen ihre individuellen Geschichten einem größeren Publikum mit und lenken damit unseren Blick auf das ihnen widerfahrene Unrecht. Was letztlich den Mehrwert der Inszenierung gegenüber einer arte-Dokumentation mit Zeitzeugenberichten ausmacht, ist die Verquickung mit der antiken Erzählung, die bezeichnenderweise eine originär westliche ist. Die syrischen Frauen müssen sich Sophokles Antigone gleichsam kulturell aneignen und in ihre eigene Erfahrungswelt übersetzen. Gleiches gilt für uns, die wir uns mit den auf syrisch vorgetragenen Inhalten, die eine Erfahrung in einer Bürgerkriegssituation behandeln, im Theater auseinandersetzen und das Gehörte ebenfalls vor dem Hintergrund unseres Erfahrungs- und Wissensschatzes in unsere eigene Lebenswelt einordnen und übersetzen.

Zum Ende des Stückes werden auf einer Leinwand Fragen eingeblendet, die die Frauen der Projektleitung offenbar während der Proben stellten. Darunter folgende: „Werdet ihr uns nach Abschluss des Projekts genauso fallen lassen wie die anderen Hilfsorganisationen?“ Das darauf folgende Schweigen ist verstörend. Die Wirkmacht des Theaters hat Grenzen, so realisiert man (ein weiteres Mal). Dass al-Attars und Abusaada dennoch bedeutende Grenzen, nämlich die unserer Wahrnehmung, verschoben haben, ist jedoch unbestreitbar. Orpheus‘ Eurydike mag hoffnungslos im Totenreich des Hades verloren sein – Antigone und ihr Gerechtigkeitsdrang existiert dank des Gastspiels in der Gaußstraße, nicht nur in den Gedanken von neun tapferen syrischen Frauen, seit heute auch in Hamburg und vor neuem Deutungshorizont weiter fort.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 2. Februar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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