Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

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300 EL_ 2(c) Sofie Silbermann

Von Raha Emami Khansari

Genau für solche Perlen/Stücke wie das Gastspiel aus Antwerpen sind die Lessingtage da: Um Theater mal anders zu sehen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie andere Welten Welten erschaffen, um sich (erneut) darüber bewusst zu werden, dass unser Verständnis und Konzept von Theater ein sehr spezifisches ist. Und dass es sich vielleicht lohnt, dieses Konzept zu hinterfragen oder zumindest einmal aufzubrechen. Denn wenn ein belgisches Gastspiel einen lediglich einstündigen Theaterabend mit so viel Intensität und Zuschauern füllen kann, ohne dabei auf verbale Sprache zurückzugreifen, hat das etwas zu bedeuten, dass man ernst nehmen kann.

Das Setting ist im Grunde sehr simpel, aber gleichzeitig unfassbar dicht: Ein Dorf ist vor uns aufgebaut, ein Halbkreis aus verschlagenen Holzhütten, im Hintergrund ein Nadelwald, im Vordergrund ein kettenrauchender Angler. Was sich in den Hütten abspielt, bleibt ihm verborgen und würde auch uns nicht ersichtlich werden, wäre da nicht das vierköpfige Team aus Schwarzgekleideten, die mit einer Kamera auf einem Dolly von außen um jenen Halbkreis ihre Kreise ziehen und dessen eingefangene Bilder live auf einer riesigen Leinwand über dem Bühnengeschehen sowie auf zwei Bildschirmen am rechten und linken Bühnenrand gezeigt werden. Und so eröffnet sich uns im Zuschauerraum ein Blick hinter die verschlossenen Holztüren, rein in eine traurige Welt voller Gewalt, Langeweile, Perversion und Völlerei. Ein heimliches Liebespaar blitzt zwischendurch als hoffnungsvoller Schimmer eines Gegenentwurfs auf, um dann aber lediglich im Verrat und einem gescheiterten Fluchtversuch zu (ver)enden.

Zwischenzeitlich werden mir die Idiosynkrasien dieser verschworenen Dorfgemeinschaft zu viel, genauso wie die religiösen Anspielungen, die für mich mancherorts in einen dekorativen Zweck abrutschen. Am Ende gewinnt aber die starke Assemblage aus tollen Darsteller_innen, dem atmosphärisch eindringlichen Bühnenbild und dem technisch versierten Kameraeinsatz. Das furiose Finale – das an dieser Stelle natürlich nicht verraten wird – tut sein Übriges, dass ich die Vorstellung mit Gänsehaut verlasse.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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