Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

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Von Jeanette B.

Ein Fischer sitzt mit müdem Gesichtsausdruck rauchend vor dem Vorhang der Bühne und eine große Leinwand über ihm zeigt einen alten Mann nur in langer weißer Unterhose liegend im Bett seiner kleinen Holzhütte, in der Postkarten und präparierte Schmetterlinge eingerahmt an der Wand hängen, während sich noch die letzten Zuschauer setzen und es im Saal finster wird. Das Stück beginnt eindrucksvoll als der Vorhang sich hebt und das imposante Bühnenbild sich dem Publikum entblößt. Es präsentiert ein kleines Dorf, übersäht mit rotbraunem Laub vor einem grünen Nadelwald mit seinen Bewohnern, die in den vier Holzwänden ihrer Hütten ihr eigenes intimes Leben führen, das ihnen gegenseitig verborgen bleibt, aber dem Zuschauer schamlos auf der Leinwand offenbart wird.

Noch vor dem Stück fragte ich mich, ob es deutsche Untertitel geben oder Englisch gesprochen wird. Doch schon früh wird mir klar, dass bei der detailverliebten Bühnenerscheinung, der spielenden Musik und der charakteristischen Figuren, in ihren ebenfalls charakterisierenden Kostümen, dessen Gesichter mir noch immer im Kopf geblieben sind, kein einziges ausgesprochenes Wort fehlen würde, um dem Stück noch mehr Ausdruck zu verleihen als es ohnehin schon hat. Vor allem die Handlungen der Dorfbewohner, für die es mir schwer fällt nur ein beschreibendes Wort zu finden, und die daraus entstehenden Bilder, Geräusche und Töne, die entweder auf der Leinwand oder der Bühne zu sehen und im Saal zu hören sind überraschen in ihrer Besonderheit, Komik oder Absurdität, je nach dem, wie es der Zuschauer zu interpretieren versteht. Ist es absurd, wenn drei Männer regungslos mit aufgesetztem Möwenkopf eng nebeneinander in einer Linie sitzen, während ein Mann blutverschmiert, am Kopf mit einer Mullbinde, vor ihnen auf dem Boden hockt und offensichtlich Schmerzen erleidet? Ist es komisch, wenn eine feine Frau an einem üppig gedeckten Tisch sich das Essen mit den bloßen Händen in den Mund stopft während ein dürrer, lang gewachsener Mann in knapper Badehose mit Hilfe einer schrillen Trillerpfeife den Takt einer Trockenschwimmübung angibt, das ein Mädchen im knallpinken Badeanzug samt Schwimmflügel akribisch verfolgt? Zumindest kann man diese und all‘ die anderen Szenen als besonders beschreiben, ohne dabei die eigene Sichtweise eines Beobachters ungewollt zu durchkreuzen.

Zwischenzeitlich erstaunt es mich immer wieder, wie viel Detail im Bühnenbild steckt, wie viel Technik zum Einsatz kommt und wie viele Requisiten verwendet werden, so dass man das Gefühl hat, man schaue ein Theaterstück und einen Film zugleich an, wobei ich dabei an Filme von Wes Anderson denken muss.
Die 60 Minuten fühlten sich unerwartet länger an, da meine Augen so sehr damit beschäftigt waren die schnell aufeinander und teilweise gleichzeitig ablaufenden Szenen zu verfolgen ohne dabei etwas zu verpassen und ungesehen zu lassen. Mit diesem Gedanken verließ ich auch das Theater und hätte nicht verpassen wollen, solch ein Stück gesehen zu haben, dessen Bildkraft auch gezeigt hat, dass Taten mehr sagen können als Worte, was der lange und laute Applaus des Publikums bis zum wieder Erhellen des Saals auch zu verstehen hieß.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 1. Februar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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