Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Die Masse

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Von Julia Lange

Im Foyer des Thalia Gaußstraße liegen an einem Informationsstand Reiseprospekte für Individual- und Gruppenreisen nach China aus. Die Bilder atemberaubend schöner Landschaften wirken appetitanregend und lassen mich von einer Reise nach Fernost träumen.  Was wir auf der Bühne in Tang Wai Kits Regiearbeit „Die Masse“ zu sehen bekommen, hat dann aber nur wenig mit landschaftlichen Hochglanzbildern und klassischer Publicity für das Reich der Mitte zu tun. An die Stelle kulturpolitischer Propaganda tritt vielmehr die Auseinandersetzung mit den wechselvollen politischen Rahmenbedingungen Chinas und deren Auswirkungen auf kleinere soziale Einheiten wie Familie und Individuum.

In Rund zwei Stunden begeben wir uns auf eine Zeitreise durch die chinesische Geschichte, die von der chinesischen Kulturrevolution (1967) bis zu den Regenschirmdemonstrationen in Hongkong (2014) reicht. Tong Wai Kit versteht es dabei meisterhaft, die politischen Umwälzungen des Landes an der psychologischen Entwicklung eines Individuums aufzuzeigen. Kit findet dabei starke Bilder und einprägsame Metaphern: So wird die allmähliche Aufdeckung der „Wahrheit“ durch die sich graduell vollziehende Reinigung des Bühnenbodens vom darauf zunächst üppig verstreuten Heu und das schlussendliche Aufreißen der den Boden verhüllenden Plane visuell prägnant zum Ausdruck gebracht.

Im Zentrum des Stückes steht das Motiv der Rache, das zugleich die treibende Kraft der Handlung ist. Der Konflikt zwischen dem Individuum und der titelgebenden „Masse“ hat dabei zwei Dimensionen. Die Masse wirkt durch ihre Neigung zu kollektiver Gefolgschaft, Konformismus und politischer Selbstermächtigung sowohl destruktiv, entfaltet – gerade im 21. Jahrhundert – aber auch subversive, gesellschaftskritische Energien, wie anhand des Hype-Potentials des Internets, das moralisch korrumpierte Parteikader und politische Strukturen in Bedrängnis bringt, aufgezeigt wird – auch wenn sich der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit fördernde Effekt angesichts der Schnelllebigkeit des Webs letzten Endes pulverisiert.

Der chinesischen Sprache nicht mächtig, vermochte mir die Inszenierung – von der Hilfestellung der deutschen Übertitel mal abgesehen –  vor allem über den Rhythmus und Klang der Sprache und die Bewegungen der Schauspieler sowie das Bühnenbild und die farbliche Lichtgestaltung einen nachhaltigen Eindruck der chinesischen Kultur und ihrer politischen Geschichte zu vermitteln.

„In der Stille liegt die Ruhe“, lautet ein bekanntes Sprichwort. In „Die Masse“ trifft dies insofern nicht zu, als dass Momente des Schweigens und der Stille von den Schauspielern als solche gesprochen und hervorgehoben werden: „Silence“, „He paused“, bekommen wir während des Abends mehrmals zu hören. Der Akt des Schweigens wird damit als aussagekräftige sprachliche Geste mit Bedeutung aufgeladen. Das Beschweigen der Geschichte zum Ausdruck bringen – das ist es vermutlich auch, wozu uns „Die Masse“ verhilft.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 29. Januar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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