Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

ON FIRE

On Fire_(c) John Hogg_Dance Umbrella South Africa

Von Danja Duta

Zwei Männer mimen ein Tennisspiel. Auf einmal werfen beide eine kleine weiße Teetasse in die Luft und zerschlagen sie mit ihren Tennisschlägern so, dass sie zerspringen und als feines Pulver zu Boden rieseln. Eineinhalb Stunden mitreißender Bühnenperformance voller Emotion und Passion sind wie im Flug vorbei gegangen. Und ich finde mich im tosenden Applaus wieder, der die TänzerInnen und PerformerInnen immer und immer wieder zurück auf die Bühne holt.

Das performative Theaterstück von Constanza Macras setzt sich mit der Einbettung alter Traditionen Südafrikas in einem modernen urbanen Zeitalter auseinander. Es kommt ohne große Worte aus und zeigt wie viele unterschiedliche Deutungen und Metaphern in Bewegung und Tanz liegen. Ein Gedicht in Körpersprache. Nicht jede Zeile davon verstehe ich. Einige Szenen weiß ich zu deuten andere scheinen mir verschlüsselt zu bleiben. Vielleicht fehlt mir dafür der geschichtliche Hintergrund oder der Kontext. Den Tanz auf Krücken verstehe ich ich als eine Darstellung Südafrikas. Ein Land das einst vom Kolonialismus gebrochen wurde und mit ihm ein Teil seiner Traditionen. Andere Requisiten sind Golf- und Tennisschläger. Dinge die mit dem Kolonialismus kamen und vorher dagewesenes verdrängten. Oft weiß ich nicht genau ob es Tanz oder Kampf ist, der sich dort auf der Bühne abspielt. Ein Kampf der nicht nur nach Außen hin, zwischen den TänzerInnen, stattfindet, sondern auch innerlich ausgetragen wird. Wieder eine Metapher dieses wunderschönen Landes.

„Was sagen wir über uns selbst?“, sagt eine Stimme mit diesem afrikanisch klingenden Akzent, den wir alle sofort zuzuschreiben wüssten. (So einige Zuschreibungen und Vorurteile werden im Laufe des Abends aufgedeckt.) „Und dabei sind wir alle doch nur Menschen, die lieben, hassen, traurig und fröhlich sind. Wir sind vielfältig und haben alle unsere eigene Geschichte!“. Ein Mensch ist nicht so einfach durch seine Herkunft zu kategorisieren. Gerahmt wird das Ganze von schwarz-weißen Portraitbildern überwiegend dunkelhäutiger Menschen, die wie Ausstellungsstücke auf eine weiße Leinwand inmitten der Bühne projiziert werden.

Die Chronologie des Abends wiederzugeben fällt mir schwer; es passiert einfach zu viel. Die TänzerInnen machen es mir trotzdem leicht am Ball zu bleiben. Einige Klischees werden ausgepackt – afrikanische Heiler, eine weiße Frau ohne jegliches Rhythmusgefühl, immer wieder Leopardenstoff. Südafrikanische Volksgesänge, begleitet von Trommelschlägen und traditionell aussehenden Tänze verwandeln die Bühne hin und wieder in meine Vorstellung dieses fernen Landes, das ich leider kaum kenne. Dann wird es wieder Heimatnäher: Operngesang ist aus dem Off zu hören. Mitbringsel der Kolonien, die heute genauso zur Kultur der afrikanischen Großstädte gehören, wie die traditionelle Musik. Ein Kirchenchor versammelt sich, singt, verstummt und wird von einer Art kollektivem epileptischen Anfall ergriffen. Eine Gesellschaft hin und her gerissen durch die Verschmelzung von alten und neuen Kulturen.

Im Verlauf des Abends spüre ich wie ein Finger auf mich zeigt; es geht zum Beispiel um Europäer die in südafrikanischen Townships die Schönheit des Überlebenskampfes sehen wollen. Ich merke wie unangenehm mir das Thema Rassismus ist und wie schwer es mir fällt den richtigen Umgang damit zu finden. Umso besser einmal aus der Comfort Zone geholt zu werden und sich selbst über Klischees lachend wiederzufinden, die in unserer Gesellschaft immer noch viel zu tief verankert sind.

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 28. Januar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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