Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

NO43 Abschaum

BG1B6463

Von Raha Emami Khansari

Es ist Einlass. Während wir uns auf unsere Plätze begeben, unsere Allerwertesten in ordentliche Reihen aus schwarzen Holzstühlen setzen, stampft ein Ensemble von 8 Schauspielerinnen und Schauspielern unablässig im Schlamm herum, alle zum Rhythmus treibender Perkussion, die aus den Lautsprechern dringt. Schweißperlen laufen den Ersten über die Stirn, der anderen hängen so winzige Schlammpartikel im Nacken, dass ich sie für eine ganze Weile für Muttermale halte.  Die Stampfenden und uns trennt eine Plexiglaswand, die anderen drei Seiten bestehen aus (noch) weißen Wänden, in die milchverglaste Fenster eingelassen sind. Während vor mir gut gekleidete Menschen durch die Wucht ihrer Beine mit Dreck um sich schmeißen, bemerkt eine (ebenfalls gut gekleidete) Zuschauerin hinter mir: „Mich würde schon interessieren, aus was der Dreck ist. Ich bin immer wieder fasziniert, was die Bühnentechniker so leisten.“ Recht hat sie, lustig ist ihr Kommentar in Anbetracht der wortwörtlich ins Auge springenden physischen Arbeit trotzdem. Denn trotz der schützenden Plexiglaswand geht nicht in jeder in Reihe 1 sauber nach Hause.
Vielleicht tut das genau genommen niemand. 1 Stunde 45 erzählen uns die Körper in virtuosen Bildern aus Mühsal und Verrenkungen, in furchterregenden Szenarien aus physischer und emotionaler Gewalt die Geschichte der Menschheit und Erde, allein mithilfe von Menschen und Erde. Düster ist das, was sich vor uns abzeichnet, eine Gesellschaft, die im Gesellschaftstanz nur noch Leere verkörpert, eine Gesellschaft, die sich misstraut und hintergeht, eine Gesellschaft, in der Zuneigung auf Triebe und Voyeurismus reduziert wird.  Archaische Kraft speist das Ganze nicht nur aus der dargestellten Verrohung und dem Schmutz, sondern auch aus der narrativen Rückwärtsrolle: Wird am Anfang noch aufs Handy getippt und sich fremdelnd aus dem Weg gegangen, bilden die Körper gegen Ende eine Horde tösender Tiere, die wehleidend durchs Land zieht. Immer wieder unterbrechen reiligös-kultische Ausbrüche einzelner Individuen das kollektive Gefüge, um umgehend belächelt, ausgelacht oder verstoßen zu werden.
Dass für diese Erzählung kaum Sprache verwendet wird, sondern vor allem Körper(einsatz), macht den Abend besonders virtuos (und undeutsch, kommen hiesige Produktionen schließlich selten auf die Idee, an Text zu sparen). Ich fahre nach Hause, körperlich verschoben und mit einem großen Stück Theater, Geschichte und Leben im Gepäck und Kopf.

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/no43-abschaum/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 26. Januar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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