Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

NO 43 Abschaum

BG1B5441

Von Julia Lange

Vorab: „NO43 Abschaum“ des Theaters NO99 aus Tallinn besticht durch seine Originalität und seinen Einfallsreichtum sowie hervorragende schauspielerische Leistungen.
Zum Setting: In Tiit Ojasoo und Ene-Liis Sempers Regiearbeit ist die Bühne ein durch ein Plexiglas von den Zuschauerrängen abgegrenzter Raum, der – vergleichbar eine Pferdemanege – mit Flüssigerde gefüllt ist. Der Effekt ist somit einer der Distanzierung: als Zuschauer nehmen wir das Geschehen hinter einem transparenten Schutzschild war, der einerseits die praktische Funktion erfüllt, uns vor dem umherfliegenden Schmutz auf der Bühne zu bewahren und uns andererseits metaphorisch von dem Abschaum des Geschehens auf der Bühne trennt. Zugleich führt uns die Glasstruktur stetig vor Augen, dass das Theater eben kein transparentes Fenster zur Welt und eine realitätsgetreue Abbildung derselben bietet, sondern als künstlerisches Medium vermittelnd, verfremdend und, selektiv perspektivierend wirkt.
Das aus acht Personen bestehende Schauspielerensemble, darunter drei Frauen, lotet den Bühnenraum zunächst non-verbal in wechselnden Positionierungen innerhalb desselben aus bevor es sich in einer regelrechten Schlammorgie ergibt. Das gegenseitige Besudeln und das Spiel im und mit Dreck wirkt dabei zu keinem Zeitpunkt vulgär sondern wird gleichsam zu einer Ästhetik des Abschaums überhöht. Diese ästhetisch-sublimierte Dimension wird bereits zu Anfang durch den Einsatz von Sibelius‘ „Valse Triste“, dessen melodische Schönheit im starken Kontrast zum beschmutzten Handlungsraum und –geschehen steht, musikalisch untermauert. Pierre Bourdieus soziologische Theorie vom „Feld“ und den darin verhandelten Machtstrukturen, wie mir scheint, exemplarisch veranschaulichend, positionieren sich die Figuren im Raum fortwährend neu, „performen“ ihre Identität je nach Kontext und konkretem Interaktionspartner, wobei die begrenzten Strukturen des Raums sie zwar in ihrer Wahl einschränken und somit letztlich determinierend wirken (die Fenster auf der Bühne sind verriegelt, die Figuren prallen häufig gegen Wände und verhindern damit jeglichen Ausbruchsversuch), aber die Handlungsfreiheit der Figuren, wie durch den steten Wechsel ihrer bevorzugten Gesprächspartner angezeigt, nicht vollständig unterminieren, so dass die Machtstrukturen nicht statisch wirken sondern verhandelbar scheinen.
Das Geschehen auf der Bühne eskaliert zunehmend, was auch musikalisch durch die Ablösung der zu Beginn eingesetzten klassischen Musik durch schnelle Techno-Beats reflektiert wird: Mikro- und Makroaggressionen werden im Schlamm performt, die bildlich Assoziationen zu Themen wie sexueller Gewalt, Unterwerfung und Dominanz in religiösen und politischen Kontexten sowie Machtstrukturen im Allgemeinen wecken. Zu guter Letzt zieht eine Elefantenherde herauf, die unseren dominant anthropozentrischen Blick hinterfragt und das Gesehene rekontextualisiert. Der sexuelle Trieb als die Handlung perpetuierendes Element wird gleichsam durch den animalischen, sozialen Herdentrieb abgelöst, der im Vergleich sehr gemächlich daherkommt. Ein Detail sticht besonders hervor: ein einen Elefanten verkörpernder Schauspieler überquert mit seinem simulierten Rüssel die Glasscheibe und durchbricht damit die vierte Wand, die uns als Zuschauer vom Aktionsraum der Bühne trennt. (Bemerkenswert, dass es hierfür zunächst einer Verwandlung des menschlichen in einen tierischen Körper gebraucht hat.)
Am Ende herrscht Resignation – ein zentrales Thema des Stückes. Alle Figuren liegen hilflos rück- bzw. bäuchlings im Schlamm. Ein Befreien bzw. Aufbäumen gegen den Schmutz erweist sich als unmöglich. „Ich gehe jetzt“, verkündet die älteste weibliche Figur. Der Vorsatz stellt sich als undurchführbar heraus und weicht der Resignation: „Ich bleibe. Ich gehe nirgendwohin“, fügt sie an und bleibt ermattet von ihren kafkaesken Versuchen, sich wie ein zappelnder Käfer aufzurappeln, auf dem Rücken im Schlamm liegen. Ein starkes Bild, das verdeutlicht: dies ist keine freie Entscheidung, keine freier Willensakt, sondern ein Eingeständnis und ein Ergeben in die Perspektivlosigkeit und die Unmöglichkeit der Veränderung. Eine Metapher gleichsam, die möglicherweise signalisiert, dass die verdreckten sozialen und politischen Strukturen, in denen wir uns als Subjekte bewegen,  zu stark und  übermächtig sind, um sich aus ihnen Kraft des eigenen Willens herauszulösen und zu befreien. Der Schmutz bleibt gleichsam an uns haften und wir haben alle Dreck am Stecken. Kristallklare Menschen und lupenreine Demokraten gibt es in dieser (post-sowjetischen?) Welt nicht. Jegliches Reinigungsritual – Wassereimer kommen gelegentlich ebenso wie ein Wasserschlauch zur effektiven Säuberung zum Einsatz – erweisen sich als fruchtlos, da der nächste (Rück-)Fall bereits bevorsteht. Die Fallhöhe ist dabei nicht sehr hoch. Im (sozialen) Abschaum angekommen, stürzt es sich leichter, möchte man schlussfolgern. Vielleicht ist es daher auch eher ein Schlittern durch den Dreck als ein regelrechter Sturz, der von den Figuren scheinbar unermüdlich und akrobatisch virtuos praktiziert wird und sich leitmotivisch durch das Stück zieht. Wir schlittern in unserer Existenz nur so dahin – manchmal springen wir selbst, manchmal werden wir in den bzw. mit Dreck ge- bzw. beworfen.
Dass der Versuch, sich aus dem Abschaum zu befreien und einen Reinheitszustand herzustellen, sich als utopisch erweist, wird auch durch das an einem Punkt in die Aufführung gebrachte kristallweiße Laken veranschaulicht, das zunächst von den Figuren ehrfurchtsvoll als beinahe sakrales Element sitzend umkreist wird, nur um nach einer bibelähnlichen Andacht verdreckt und verwüstet zu werden. Die Vignette verdeutlicht eindringlich, dass die in unserem Denken vorherrschende Gegenüberstellung der Begriffe „sauber – dreckig“ letztlich nicht haltbar ist. NO43 unterläuft diese binäre Opposition spielerisch und zeigt auf, dass jeglicher Versuch der sauberen Trennung der beiden Sphären eine kulturelle Konstruktion und in der Lebenspraxis zum Scheitern verurteilt ist – das „Eine“ existiert nicht ohne das „Andere“ und wird im Grunde erst durch die Gegenüberstellung konstituiert.
Die von der Theatertruppe NO99 entworfene Bühnenwelt ist somit eine dystopische, die auf raffiniert-komplexe Weise – und ohne plakativ zu wirken – den titelgebenden „Abschaum“ in seinen vielfältigen Facetten, Nuancen und Bildvarianten durchdekliniert. Es ist dabei bezeichnend, dass dies im Wesentlichen nicht sprachlich, sondern überwiegend non-verbal in Körperkonstellationen und Bildern passiert. „NO43“ steht damit für ein post-postmodernes Theater und für einen neuen Realismus, der sich von poststrukturalen Kunstauffassungen, die auf dem Vorführen des sprachlichen Konstruktionscharakters unserer Lebenswelt basieren, distanziert und sich den Handlungspraktiken auf dem Boden der Tatsachen annähert – wohlgemerkt ohne den Konstruktionscharakter von Kunst und des Mediums Theater zu leugnen. Der Abschaum in „NO43“ ist hier definitorisch im Sinne eines Restbestandes lesbar, der sich trotz aller Bemühungen um (auch die sprichwörtlich deutsche?) Reinheit, Sauberkeit und Ordnung auf dem Grund ablagert. „NO43“ rückt damit den nutzlosen, marginalisierten Rest – in Abgrenzung zur verwertbaren Essenz – ins Blickfeld. Unser Blick ist dabei während der Vorstellung ein vielfach unfreiwillig genötigter – wir sehen das, was wir nicht sehen wollen und was uns irritiert beziehungsweise verstört, unter Umständen sogar anekelt. Der Effekt ist, dass wir gleichsam aus unserer comfort zone katapultiert werden.
Man verspürt als Zuschauer zuweilen den Impuls, die Figuren vor dem nächsten Fall retten zu wollen. Man sieht das Schrecken und die Misshandlung in Gestalt des Sturzes förmlich kommen. Und sitzt doch hilflos und ohne Einschreitmöglichkeit da. Das Plexiglas wird hier in seiner Funktion invertiert – der gläserne Schutzschild verkommt zur ungewollten Barriere. Die Hilflosigkeit der Figuren und ihre beschränkten beziehungsweise nicht vorhandenen Handlungsräume übertragen sich quasi auf uns selbst.
Vielleicht ist es ja gerade diese Spiegelfunktion der Glasstruktur, die das artifizielle Plexiglas im Gegensatz zum „echten“ Glas unter objektiven Gesichtspunkten gerade nicht herzugeben vermag, sowie das auf den Zuschauer übertragene Gefühl der (Handlungs-)Ohnmacht und die Angst vor einer Kontaminierung durch den umherfliegenden Schmutz, der uns aus unserer Komfortzone herauslöst und Anlass zu einem renitenten Optimismus gibt.
Ob die spätabendliche Konfrontation mit unserem eigenen Ekel und die Herauslösung aus unseren vertrauten Sehgewohnheiten und Wahrnehmungsschemata am Ende des Tages zu mehr – an, ja was, Empathie? –  führen wird als zu einem rund zweistündigen, für uns unbefleckt-voyeuristischen Bad im Dreck ist, wie immer bei der Beurteilung der Nachwirkungen von und Ableitung konkreter Handlungsanleitungen aus Kunstwerken, einem jeden Theaterbesucher selbst überlassen. Ein visuelles Vergnügen war das Betrachten der Schlammschlacht aus sicherem Abstand allemal.

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 25. Januar 2016 von in Allgemein, Lessingtage.
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