Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Früchte des Zorns

Früchte des Zorns von John Steinbeck Regie Luk Perceval Premiere 23. Januar 2016 am Thalia Theater

Foto: Armin Smailovic

Von Julia Lange

„Wir haben kein Wasser, Rose. Du musst warten.“ Der amerikanische Traum und die Verheißungen auf ein besseres Leben in Kalifornien gelangen in Luc Percevals Bühnenadaption von John Steinbecks 1939 verfassten Roman „Früchte des Zorns“ zügig an ihr Ende. Während zu Beginn noch von blühenden Landschaften, Orangenplantagen und freien Arbeitsstellen als Erntehelfer geträumt wird, setzt sich unter den Angehörigen der Farmerfamilie Joad schnell Ernüchterung und die Erkenntnis durch, dass selbst elementare menschliche Grundbedürfnisse, wie eben Wasser, auf der Flucht vor wirtschaftlicher Not nur schwer zu befriedigen sind. Die auf die Bretter des Thalia Theaters gebrachte „Urgeschichte der Migration“ endet erwartungsgemäß: im Desaster.
Das von Annette Kurz gestaltete Bühnenbild erstickt die Hoffnung des Zuschauers auf eine positive Schicksalswende für die Familie Joad bereits im Keim. Das Stück  beginnt stimmungsvoll mit einem dunklen Blätterreigen. Damit ist die narrative Entwicklungslinie für die Inszenierung bereits vorgegeben:  wer im Herbst (des Lebens) aufbricht, den erwartet auf Reisen nur das vierte Quartal, mit anderen Worten, der Winter beziehungsweise Tod.

Dies soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass es in „Früchte des Zorns“ auch erheiternde Momente gibt. So bringen die von Rafael Stachowiak mit grotesker Stimme vorgetragenen tragikomischen Kommentare Onkel Johns Licht in das Dunkel der Bühnenwelt. Nicht zu missachten (mitunter weil es nicht gelingt) ist auch der reduzierte Einsatz der szenischen Mittel: eine Segeltuchplane fungiert wahlweise als notdürftige Behausung, Fortbewegungsmittel, wärmende Decke oder Leichnam; Feuer- und Motorgeräusche werden durch rhythmisches Stampfen von den Schauspielern erzeugt, wodurch einerseits die Illusionsbildung auf der Bühne selbstreferenziell als Fiktion markiert und zugleich die Zurückgeworfenheit der Charaktere auf ihre eigene Existenz im Überlebenskampf eindrucksvoll vorgeführt wird. Berührend sind die lyrischen Gesangseinlagen von Mariia Shulga und Nick Monu („Summertime … when the living is easy“), die dem strapaziösen Alltag der Familie Joad, der Traurigkeit der Melodie zum Trotz, einen lebensbejahenden Kontrapunkt entgegensetzen und durch den intertextuellen Verweis auf Gershwins 1935 verfasste Südstaatenoper „Porgy and Bess“ das Leiden der „Okies“ zugleich im breiteren Kontext der amerikanischen Einwanderungsgeschichte verorten und mit dem ausbeuterischen, enthumanisierenden System der Sklaverei in Bezug setzen.

Abschließend bleibt festzuhalten, dass Perceval eine souveräne Inszenierung gelungen ist, die uns am Schicksal der Familie Joad mitfühlend teilhaben lässt und uns die Strapazen, Entbehrungen und Erniedrigungen von wirtschaftlicher Flucht mitsamt ihrer –  während des Abends gleich mehrfach buchstäblich – zu Grabe getragenen Hoffnungen näher bringt. Man hätte sich allerdings gewünscht, dass die Dauer der Aufführung der Länge von Steinbecks Romanvorlage gerechter geworden wäre. Angesichts der nur rund neunzigminütigen Bühnenadaption ist es wenig verwunderlich, dass die Vielfalt der im Roman verhandelten Themen von Perceval nicht in allen ihren Dimensionen ausreichend ausgelotet werden konnte und zu einer thematischen Verkürzung  auf das zentrale Thema der leidvollen Erfahrung von Flucht und Migration führte, die sich zwar optimal in das Festivalmotto der Lessingtage und die aktuelle gesellschaftspolitische Lage Europas fügt, aber der Mehrstimmigkeit des Romans letztlich nicht ganz gerecht wird. Daran mag auch der Kunstgriff der mehrsprachigen Besetzung des Ensembles nichts zu ändern. Percevals Stück wird somit zur Geisel seiner eigenen szenischen Genialität: wer mit fallenden Blättern anfängt, darf – auch wenn sie noch so passend die Stasis des Lebens prophezeien – vielleicht doch nicht variantenlos, ad infinitum so fortfahren.

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/fruechte-des-zorns/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 24. Januar 2016 von in Allgemein, Premierenblog.
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