Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Besuch bei Mr. Green

Besuch bei Mr. Green, Thalia Theater
Foto: Krafft Angerer

Von Tjorven Hamdorf

Der junge Ross fährt beinahe Mr. Green um. Da Mr. Green direkt vor das Auto lief und erst später nach links und rechts schaute, liegt die Vermutung nahe, dass der einsame, lebensmüde wirkende Mann mitverantwortlich war. Ross erhält die Auflage, jeden Donnerstag für eine Stunde bei dem vierundachtzigjährigen nach dem Rechten zu schauen und zu helfen, wo er kann. Davon ist Mr. Green alles andere als begeistert. Doch Ross lässt nicht locker, und schafft es nach und nach mit seinen interessierten Fragen, Mr. Green auftauen zu lassen. Dieser erzählt oft von seiner engelsgleichen Frau, Yetta, mit der es nie einen Streit gegeben haben soll in 59 Jahren Ehe.                                                                                                                                                                                                     Aus der anfänglichen Ablehnung von Ross entwickelt Mr. Green Sympathie für ihn. Wieso hat dieser feine jüdische Junge bloß keine Frau? Für jeden Jungen gibt es schließlich ein Mädchen. „Nicht für alle“, entgegnet Ross. Als der sture Alte nicht locker lässt und weiter seine Weisheiten vorträgt, platzt Ross der Kragen. Für nicht jeden Jungen gebe es ein Mädchen! Weil er eben schwul sei! Mr. Green versteht nicht. Schwul? Ein jüdischer Junge kann kein Feygele sein, meint Mr. Green.

Ross reagiert verletzt, kommt aber Mr. Green weiterhin jeden Donnerstag besuchen. Sie diskutieren seine indiskutable Homosexualität und werfen große Fragen auf.

Was für ein Jude ist Ross, wenn er schwul ist? Schafft er es, seine Homosexualität zu unterdrücken und sich den Normen der Gesellschaft und dem Druck seiner Eltern zu beugen? Aber wenn er diesen wichtigen Teil seiner Identität verleugnet, was bleibt dann von seiner Identität übrig? Schließlich kommt auch Mr. Greens Geheimnis heraus. Auch er weiß, wie es ist, einen Teil von ihm zu verleugnen. Seine Tochter Miriam war für ihn wie gestorben, nachdem sie einen Goi, einen Christen, geheiratet hatte. Ihre drei Kinder, von denen er nichts wusste, waren sogar schon alle aus dem Haus, als Ross ihn überzeugen kann sich mit der verstoßenen Tochter zu versöhnen und sie zu einem Besuch einzuladen. Auch Ross entscheidet sich, zu seiner Homosexualität zu stehen und so kommt es zu einem Happy End.

Peter Maertens als Mr. Green und Sven Schelker als Ross Gardiner schaffen es zu beweisen, dass es nicht mehr als benötigt als zwei grandiose Schauspieler, die ihre Rolle zu leben scheinen, und eine kleine Bühne mit einem Sessel, einem Tisch und viel Chaos, um ein berührendes und zugleich komisches Theatererlebnis zu schaffen. Das Publikum wurde oft zum Lachen gebracht und trotzdem stimmte die Tragik der beiden Schicksale nachdenklich. Ein kurzer, amüsierender Theaterabend, der durch seine Ernsthaftigkeit noch lange nachklingt und leider auch zwanzig Jahre nach der Uraufführung in Massachussetts brandaktuell ist. Sehr ans Herz zu legen!

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/besuch-bei-mr.-green/

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 18. Januar 2016 von in Allgemein, Premierenblog.
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