Thalia Theater Blog

Der Premieren- und Festivalblog des Thalia Theaters Hamburg

Kasimir und Karoline – Glauben Lieben Hoffen

"Kasimir und Karoline" Thalia Theater
Von Jennifer Krüger

Der Mensch ist halt ein wildes Tier

Manchmal, da verliert man den Halt. Man rutscht aus und knallt hin. Da wirken Kräfte, Gesetze, die ein Mensch nicht beeinflussen kann, so sehr er es auch versucht.
Manchmal ist man ohnmächtig.
Wie Ödön von Horváths Figuren mit dieser Ohnmacht umgehen, erzählt Jette Steckel in ihrer Fusion der Stücke „Kasimir und Karoline“ und „Glaube, Liebe, Hoffnung“.

Florian Lösche hat dazu das hypnotisierende Bühnenbild entworfen. Überdimensionale Kugeln hängen schwer im dunklen Raum. Wie Moleküle sind sie angeordnet. Wie Planeten, oder riesige metallene Murmeln. Sie schweben bleiern in ihrem eigenen System. Ihre Oberflächen sind verspiegelt. Ich kann mich nicht satt sehen.
Der Bass dröhnt, die Spieler stehen auf dem Bühnenboden. Wie eingefroren zunächst. Klein und zerbrechlich.
Dann kommt die Geschichte ins Rollen, der Zeppelin zieht seine Kreise über München und die Drehbühne im Thalia fährt los.
Es macht Spaß, dieser aktiven Ordnung zuzusehen. Wie sich die Figuren auf dieser Fläche bewegen. Wie sie mit dem Schwung spielen, mit Raum und Zeit. Sie laufen auf der Stelle oder jagen wie im Turbo-Zeitraffer um die Drehscheibe.
Alle, außer Kasimir (gespielt von Mirco Kreibich). Der steht einfach nur da, Runde um Runde, versteinert und schwer. Kraftlos.

Er ist mit seiner Braut Karoline auf dem Oktoberfest. Es sind die dreißiger Jahre, mitten in der Wirtschaftskrise. Eigentlich will Kasimir gar nicht hier sein, weil er am Tag vorher seinen Job verloren hat. Karoline (Maja Schöne) will aber Eis essen und Achterbahn fahren und ist überhaupt genervt von Kasimirs egoistischer Melancholie. Da amüsiert sie sich lieber mit ihren neuen Bekanntschaften, die ihr Getränke und Ponyreiten spendieren. Sie macht, wozu sie Lust hat und träumt im Alkoholrausch von einer rosigen Zukunft und gesellschaftlichem Aufstieg. In diese Zukunft passt der arbeitslose Kasimir nicht mehr; es ist aus zwischen den Beiden.
Auch Kasimir betrinkt sich. Er plant, seine letzten vier Mark zu versaufen und sich dann aufzuhängen. Zwar kommt es dann doch anders, rosig sieht seine Zukunft aber nicht aus.
Und dann ist da noch Elisabeth (Birte Schnöink) aus „Glaube Liebe Hoffnung“. Auch sie wurde aus dem System geschleudert. Sie will ihre Leiche im Voraus verkaufen, um schnell an Geld zu kommen.

Im Verlauf der Geschichte bricht die Ordnung weiter zusammen. Die Kugeln fallen auf die Bühne. Die Figuren verlieren Halt. Sie winden sich durch ein Spiegellabyrinth und durch die Nacht. Irgendwann hilft nur noch Tanzen.

Bis der Rausch abklingt. Und das Übliche folgt.
Drama, Prügel, Gebrüll, Kotze und Pipi. Der Mensch ist halt ein wildes Tier.

Mir haben die schönen Bilder und Atmosphären sehr gut gefallen. Und es hat großen Spaß gemacht, den Spielern zuzusehen. Der Abend war mir aber insgesamt zu weit ausgedehnt.

http://www.thalia-theater.de/de/spielplan/repertoire/kasimir-und-karoline–/

 

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Dieser Eintrag wurde veröffentlicht am 30. November 2015 von in Allgemein, Premierenblog.
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